Uneheliche Kinder aus Konkubinaten. 59
(Unehelichkeit) des Paares und der aus der Paarung entstehen-
den Kinder (solange diese nicht doch aus äußeren Gründen auf
die Dauer Jlegalisiert werden) als eine Art von „Ausweis für
die Reinheit der theoretischen Überzeugung“. Im übrigen be-
steht sozialistischerseits der Ehe als Gesamterscheinung gegen-
über das Axiom, daß in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung
ungeregelte Geschlechtsliebe, in- und außerhalb der Ehe, auch
wo sie nicht gewollt und prinzipiell, überhaupt Sittenkorrelat
sei, gegen das sich aufzulehnen mithin „unwissenschaftlich“
sei$1. Manches böse Wort aus sozialistischem Munde gegen die
Ehe erklärt sich auch aus Haß und Verachtung gegen bürger-
liches Philistertum und bürgerliche Scheinheiligkeit und führte
zumal bei sozialistelnden Intellektuellen zu einem behaglichen
Bohämetum. Zur tatsächlichen Gestaltung des sozialistischen
Liebeslebens ist zu bemerken, daß es eigentlich nur in soziali-
stischen Literatenkreisen, und auch da nur außerordentlich spo-
radisch, zu schnellem Frauenwechsel gekommen ist. Außer-
dem gab es in einigen kommunistischen Kolonien in Amerika
wohl hauptsächlich unter dem Drucke des Frauenmangels vor-
übergehend so etwas wie eine Pflicht der sozialistischen Ge-
nossin zur Willfährigkeit den Mitgliedern der eigenen Kolonie
gegenüber ®, Im übrigen zeichnete sich die freie Liebe, wo sie
in der. sozialistisch empfindenden Massen Wurzel gefaßt hatte,
dadurch aus, daß sie sich vielfach in den besten Formen der
Treue und Innigkeit abspielte und sich von der regelrechten
Ehe eigentlich gerade durch diese unterschied. Darüber besitzen
wir in Frankreich bereits längst vor der Februarrevolution un-
$1 Vgl. die reichlichen Nachweise dieser Auffassung bei Charles And-
ler, Introduction historique et commentaire au Manifeste communiste, Paris
1901, Soc. Nouy. de Libr. et d’Ed., p. 150,
6 Giovanni Rossi (Cardias), Utopie und Experiment. Studien und
Berichte, Zürich 1897, A. Sanftleben, S. 218, 221; Dario Guzzinl,
La Colonia Cecilia, im „Avantil“ vom ızı. Mai 1912.