Fehlerquellen der Unehelichkeitsstatistik,
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daß Totschlag und Körperverletzung im Westen in Wahrheit
zum Teil darauf zurückzuführen ist, daß die Westsizilianer es
vorziehen, Sittlichkeitsverbrechen, anstatt sie gleich den gräko-
sikulischen Ostsizilianern dem Richter zu denunzieren, auf
eigene Faust durch Blutrache (Vendetta) zu sühnen10%.
Wie gefährlich übereilte Schlußfolgerungen aus moralstati-
stischen Beständen schon in ihrer örtlichen Umgrenzung selbst
sind, weiß jeder gewissenhafte Beobachter. Die Tatsache der
hohen Unehelichkeitsziffern in einigen Kulturstädten war schon
in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts bekannt. Wäh-
rend ganz Frankreich zwischen 1840 und 184g durchschnitt-
lich 769 uneheliche Geburten (auf 10000) aufwies, betrug
die entsprechende Ziffer in den Hauptstädten der Arrondisse-
ments 2210. In Paris umfaßte die Zahl der unehelichen Ge-
burten ein Drittel der Gesamtheit des Landes; in Brüssel etwas
mehr als ein Drittel; in Wien fast die Hälfte; in Stockholm
etwas weniger als die Hälfte; in Berlin mehr als ein Fünftel;
in Florenz und Kopenhagen mehr als ein Viertel. Dennoch
stand die Diagnose dieser Fälle damals schon fest: die starke
Zuwanderung ortsfremder Schwangerer, l’immigration con-
siderable des filles-meres, qui viennent cacher leur iriste
situation dans les grandes villes, et y accoucher, soit chez
elles, soit dans les höpitaux speciaux 10%, Demungeachtet tauch-
ten z. B. vor einigen zwanzig Jahren in der sozialdemokrati-
schen Presse Deutschlands Angriffe gegen die Marburger Stu-
dentenschaft auf, weil die Statistik dafür Zeugnis ablegte, daß
gerade in dieser ehrsamen Hessenstadt die Zahl der unehelichen
Geburten eine ausnehmend hohe sei. Diese Kritik wurde von
anderen weiter ausgedehnt und auf die deutschen Universitäts-
städte überhaupt bezogen, von denen vor allem die kleineren
den Beweis dafür lieferten, wes Geistes Kinder die Studenten
— 16 Napoleone Colajanni Ci sono due Sicilie?, in der „Rivista Popo-
lare'‘, Anno XX (19:4), N. 9, p- 236. 104 Legoyt, p. A132.