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Zweiundzwanzigstes Buch.
Sitze oder wenigstens frühe Heimstätten der neuen Bildung.
In seiner württembergischen Heimat dichtete Schubart:
Ich Mädchen bin aus Schwaben,
Und braun ist mein Gesicht;
Der Sachsenmädchen Gaben
Besitz' ich freilich nicht.
Die können Bücher lesen,
Den Wieland und den Gleim,
Und ihr Gezier und Wesen
Ist süß wie Honigseim.
Und spät noch bedauerte man in den Kreisen der Tübinger
Professoren, daß das Land „schöne Geister zu Professoren be—
komme, die in Empfindungen zerschmelzen und die Gesell—
schaften mit Liedern unterhalten“.
Im allgemeinen war es in dieser Hinsicht bezeichnend, daß
es in dem ganzen Süden und Westen noch gegen Schluß des
18. Jahrhunderts erst einen einzigen großen Buchverlag gab, den
von Cotta in Stuttgart. Und auch mit den größeren Sorti—
mentern sah es schlecht aus. „In Südwesten,“ erzählt Perthes,
„befand sich von Wien bis Regensburg — einige Verleger
katholisch-asketischer Werke ausgenommen — keine, von Regens—
burg bis Tyrol nur eine Buchhandlung — in Augsburg.
Nürnberg war es, welches den geringen Bedarf dieses großen
Landstriches allein befriedigte. In Tübingen und Heidelberg
waren blühende Geschäfte; aber der ganze Nordwesten, wo
Münster als letzter literarischer Vorposten vorgeschoben war,
wurde von Frankfurt a. M. aus spärlich versorgt. Dagegen
hatte der Buchhandel im ganzen nordöstlichen Deutschland schon
seit geraumer Zeit einen lebhaften Aufschwung genommen.“
Vergleicht man nun das von Perthes abgegrenzte Gebiet mit
dem der Städte, in denen die Entwicklung des geistigen Lebeus
des 18. Jahrhunderts vor allem stattgefunden hat, mit den
Schweizerstädten einerseits, anderseits Hamburg, Leipzig,
Berlin, Göttingen, dazu Weimar, Gotha, Meiningen, Darm—
stadt, Braunschweig, Oldenburg, Eutin und überhaupt Hol—
stein: so bemerkt man leicht, daß die Gebiete literarischer