192 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.
Von den Preisfestsetzungen nach den Wiederbeschaffungskosten,
von dem Versuche, eine wertbeständige Rechnungseinheit einzuführen,
war schon oben die Rede gewesen. Die dauernden Schwankungen
der Valuta und die damit in Verbindung stehenden sprunghaften
Veränderungen in den Preisen, vor allem bei der Beschaffung
der Rohstoffe, bildeten ein nur schwer zu bewältigendes Hindernis
jeder genaueren Kalkulation, bei der man dann Gefahr laufen mußte,
daß aus der Kalkulation eine in ihren Wirkungen unübersehbare
Spekulation wurde.
So berichtete z. B. der Verein deutscher Eisengießereien in
Düsseldorf für das letzte Vierteljahr 1922: „Vom Ende August ah
mußten die Preise alle 10 Tage und zuletzt alle 7 bis 8 Tage neu
festgesetzt werden, weil der Roheisenverband sich seinerseits auch
nicht für längere Fristen binden konnte. Das Unkostenkonto jeder
Gießerei wurde nicht unerheblich dadurch belastet, daß der schleppende
Eingang der Außenstände, Inanspruchnahme von Bankkredit,
Begebung von Wechseln, ferner schriftliche und persönliche Mahnungen
erforderte 1 ).
Solche Zustände, die für jede Unternehmung, die dabei nicht genügend
vorsichtig vorging, die Gefahr großer Substanzverluste mit
sich brachte, haben nun einmal mächtig zu dem Zusammenschluß
in große Konzerne oder zu Fusionen geführt. Es waren besonders
die Unternehmungen, die auf den Bezug ausländischer Rohstoffe angewiesen
waren, die von diesen Gefahren, besonders stark betroffen
wurden. Das gilt besonders von der Textilindustrie, welche in dieser
Hinsicht vor einer sehr schwierigen Aufgabe stand. In einer Zuschrift
einer Strumpffabrik an die Frankfurter Zeitung hieß es z. B.:
„Der Großhandelspreis für Strümpfe ist in holl. Gulden ausgedrückt
gegenüber dem Vormonat unverändert geblieben. Dieser Preis steht
allerdings nur auf dem Papier. Wegen des ungünstigen Valutastandes
ist der Preis, in Mark umgerechnet, nicht zu erzielen und wenn man
verkaufen will, bleibt nichts anderes übrig, als von der Substanz
zu zehren, weil wir die Rohstoffe nur in fremder Valuta beziehen
können * 2 ).“
Aus der Begründung für den großen, im September 1922" entstandenen
Textiltrust führte seinerzeit die Frankfurter Zeitung an,
daß es sich hier um eine Erscheinung handle, welche in den wirt*)
Frankfurter Zeitung. 2. Morgenblatt, 12. Januar 1923.
2 ) Frankfurter Zeitung. 1. Morgenblatt, 6. Februar 1923. — Zu dieser Gefahr
der Substanzverluste vgl. ferner 1. Frank, Betriebskapital, Warenwechsel
Und Preisbildung. „Die Gießerei“, Heft 39, 1922, und ferner die im
Dezember 1922 von der Außenhandelsnebenstelle für Wolle herausgegebene
Schrift „Valutagewinne und Substanzverluste“.