Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der falsche Begriff der „Induktion“. 
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soll mit dem Peripatetischen Begriffe des Seins in Einklang gesetzt 
und ihm gemäss gestaltet werden. Deshalb muss alles Wissen auf 
die Einzeldinge, als die echten und ursprünglichen Realitäten ge- 
richtet und eingeschränkt werden. Sinn und Intellekt haben kein 
verschiedenes Objekt: es ist ein und derselbe Gegenstand, der sich 
ihnen beiden, wenngleich in verschiedener Beleuchtung und Klar- 
heit darstellt. Der dualistische Gegensatz, den die Scholastik 
zwischen der „intelligiblen“ und der „sinnlichen“ Materie auf- 
richtet, muss schwinden: derselbe, mit allen wahrnehmbaren Be- 
stimmtheiten bekleidete Stoff, der in die Sinne fällt, bildet auch 
das alleinige Objekt des „reinen“ Denkens. Der Vorrang, den wir 
dem Intellekt zuzusprechen pflegen, findet somit in den Dingen 
keine Entsprechung. Der Unterschied besteht nur darin, dass der 
Verstand ausser den vereinzelten Daten, die uns die unmittelbare 
Empfindung übermittelt, auch die Beziehungen des Gegenstandes 
zu anderen Objekten und seine mannigfachen — Namen erfasst.?°) 
Statt die Natur, wie die Scholastik es tut, künstlich in eine in- 
telligible Materie und eine intelligible Form zu zerlegen, um 
sie aus beiden nachträglich wieder aufzubauen und zurückzuge- 
winnen, muss alle unsere Forschung das konkrete Sein des 
Stoffes und die empirischen Gegensätze seiner Qualitäten zu 
Grunde legen. Mit dieser Forderung bereitet Nizolius die Wen- 
dung der Physik und Erkenntnislehre vor, die sich — ein Jahr- 
zehnt nach dem Erscheinen seines Werkes — in den Anfängen 
der italienischen Naturphilosophie bei Telesio vollzieht. 
[V 
Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht. 
Bevor wir indes diese innere Umformung des Naturbe- 
griffs betrachten, die aus positiven Beobachtungen und Gründen 
hervorging, müssen wir uns dem mittelbaren Einfluss zuwen- 
den, den die neue Auffassung der geistigen Wirklichkeit auf 
die Anschauung der objektiven Welt geübt hat. Es ist einer der 
bezeichnendsten Züge der Renaissance, dass diese beiden Momente 
sich wechselseitig durchdringen und fördern. Dieselbe gedank-
	        
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