Die weltwirtschaftliche Natur der Sachlieferungen, 63
Niemand auf der Welt wird uns als Käufer ablehnen; wir können kaufen, soviel wir
brauchen; selbst wenn die Entente-Staaten die Ausfuhr nach uns verbieten, wird
man sich anstrengen, uns durch Schmuggel zu versorgen.
4. Statt daß die Exporte von der Entente nicht bezahlt werden und wir ferner
die Importe schuldig bleiben müssen, denken. wir uns, daß die Entente unsere Ex-
porte bezahlt, sodaß wir mit diesem Erlös unsere Importe bezahlen können.
Dann hebt sich Import gegen Export auf.
5. Und nun übertragen wir der Entente im Wege der Reparationssteuern und
des Bartransfers das Eigentum an den neu nach Deutschland importierten Gütern
im Werte von 21% Milliarden Mark zum Ausgleich ihrer Reparationsforderungen';
dann ist die Entente und der Import bezahlt und wir haben lediglich dieselbe
Überfremdung, dieselbe „Verschuldung‘“ am das Ausland, wie wir sie ohne Sach-
lieferungen nur im Wege der „Barzahlung“ haben würden, ;
Quod erat demonstrandum!
So wirkungslos wie der Bartransfer sind mithin auch die Sachlieferungen im
Sinne einer Tributzahlung; die Sachlieferungen bedeuten für uns Exporterlaubnis
im die Entente-Staaten über das handelspolitisch und weltwirtschaftlich-arbeits-
teilig gestellte Maß hinaus; die Präsidenten der Reichsverbände der Industrie
in allen Entente-Staaten müßten dauernd, Tag für Tag gegen diese Maßstabsver-
letzung durch das Fehldenken zwangswirtschaftlicher Einhirnigkeit protestieren.
Wenn der Wiederimport der uns durch Sachlieferungen entzogenen Wirt-
schaftskraft den Umfang der Sachlieferungen nicht erreicht, so ist das dieselbe
Situation, als wenn wir bei Barzahlung unsere Exporte über das frühere Maß
hinaus vergrößern. Tributzahlung ist es, wie wir in Abschnitt 2f noch sehen
werden, auch dann nicht.
Vergleicht man beide Zauberspukarten, das Devisen-Clearing und den Sach-
lieferungsaustausch miteinander, dann ist als Erstes festzustellen, daß beide unge-
heure Mängel zeigen, denn beide stören mit rauher, gewissermaßen nicht desinfi-
zierter Hand den Verdauungsprozeß in den weichen Gedärmen der W eltwirt-
schaft, sodaß nicht nur Deutschland, sondern auch alle übrigen Länder gestört
werden, Der Dawes-Plan ist Weltzwangswirtschaft.
Bei beiden Systemen gelangt nur soviel Neukapital in Deutschland selbst zur
Investierung, als der Harmonie oder Assortierung der Branchen zueinander ange-
messen ist, als von der Umsatzsteigerung verdaut werden kann. Jedes Mehr ist
unmöglich bzw. krankhaft. Beim Devisen-Barzahlungssystem muß das Mehr als
vermehrter Export ins Ausland abgedrängt werden — sodaß wir nach wie vor
große handelspolitische Interessen haben —; beim Sachlieferungssystem wird das
Mehr nicht aus dem Ausland nach Deutschland strömen, oder wenn man so will
„zurückströmen‘“. Hierbei kommt es leicht dazu, daß des Auslandes Märkte
durch sinnlose Kapitalinvestierung, Niemand zunutze und allen zum Schaden
gereichend, verstopfl werden. Von hier aus gesehen, hat die deutsche Regierung ein
Recht darauf, daß im Interesse der Weltwirtschaft Sachlieferungen nur zu dem
Zwecke erfolgen, die wirklich produktiv und rentabel sind in einer nicht zu weiten
Zukunft; sinnlose Investierungen muß die Reichsregierung verweigern. Und dabei
müßte sie von der ganzen neutralen Welt unterstützt werden. Maßstab ist die Mög-
lichkeit, ob ein privatwirtschaftlicher Unternehmer, würde ihm das nötige Be-
triebskapital zu normalen Zinsen zur Verfügung gestellt, die betr. Investierung
mit seinem Eigenkapitalanteil riskieren würde; es muß auch hier
die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit entscheidend sein und nicht etwa der Ge-
sichtspunkt technischer Schönheit oder technischer Vernunft. Dabei wird, da