Object : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

Sechzehntes  Kapitel.
Die  Entwicklung  der  sozialdemokratischen  Presse
Berlins.

emäß  dem  Beschluß  des  Lalleschen  Parteitages  erschien  das  Berliner
l\l  Volksblatt  vom  1.  Januar  1891  ab  mit  dem  Obertitel  „Vorwärts"
^  und  der  Bezeichnung  „Zentralorgan  der  sozialdemokratischen  Partei".
In  Übereinstimmung  mit  dieser  Bezeichnung  blieb  das  Blatt  der  Verwaltung
durch  die  Leitung  der  Gesamtpartei  unterstellt.  Der  Parteivorstand  hatte
die  Mitglieder  der  Redaktion  und  Expedition  anzustellen  und  gegebenenfalls
zu  entlassen.  Nur  hinsichtlich  der  Chefredaktion  des  „Vorwärts"  hatte  der
Kongreß  eine  Ausnahme  gemacht.  Zum  leitenden  Redakteur  bestimmte  er
selbst  Wilhelm  Liebknecht,  und  zwar  mit  dem  Zusah,  daß  dieser  mit  den
Mitgliedern  des  Parteivorstandes  gleiches  Recht  haben  solle.  Das  glaubte
man  dem  ältesten  und  bedeutendsten  der  in  Deutschland  lebenden  geistigen
Vorkämpfer  der  Partei  schuldig  zu  sein,  und  solange  Liebknecht  lebte,  ist
es  denn  auch  bei  dieser  Bestimmung  verblieben.
Schwieriger  war  es,  das  Verhältnis  des  „Vorwärts"  zu  den  Berliner
Genossen  zu  regeln.  Er  sollte  mit  der  Eigenschaft  als  Zentralorgan  der
Partei  auch  die  verbinden,  Organ  der  Berliner  Genossen  zu  sein.  Infolgedessen ­
  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  in  den  Reihen  dieser  das  Verlangen
laut  wurde,  auf  das  Blatt,  für  das  man  warb  und  wirkte,  auch  unmittelbar
Einfluß  zu  erlangen.  Es  erhielt  1891  eine  erste  Genugtuung  durch  den
von  Bebel  formulierten  Beschluß  des  Erfurter  Parteitages,  wonach  dieser
sich  damit  einverstanden  erklärte,  daß
„die  Berliner  Genossen  eine  Kommission  von  9  Mitgliedern  wählen,
welche  in  Gemeinschaft  mit  dem  Parteivorstand  die  Kontrolle  des  lokalen
Teils  des  „Vorwärts"  zu  übernehmen  haben".
Für  eine  Reihe  von  Jahren  genügte  diese  Vollmacht  den  Wünschen
Berlins.  In  dem  Maße  aber,  als  die  Mitgliedschaften  wuchsen  und  das
Parteileben  sich  reicher  entfaltete,  stiegen  auch  die  Ansprüche  der  Berliner  Mitgliedschaften ­
  an  den  „Vorwärts",  und  es  machte  sich  das  Bedürfnis  geltend,
auf  die  Redaktion  seines  politischen  Teils  gleichfalls  Einfluß  zu  gewinnen.
Die  Besetzung  der  leitenden  Stellen  in  der  Redaktion  und  der  Verwaltung ­
  und  die  Bestimmung  ihrer  Gehälter,  alles  das  war  nach  Partei-Bernstein,
  Berliner  Geschichte.  III.  26
            
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