Der Versuch der Türkei aber verdient Beachtung. Die Türkei hat nach drei
unglücklichen Kriegen und nachdem die Grundlage ihrer Macht verloren war,
durch die Rückkehr nach Asien und durch die Befreiung von allen europä-
ischen Intrigen Konstantinopels ihre ganze Kraft wieder gewonnen. Das arme,
verheerte und von Malaria verseuchte Angora löste die Türkei von der euro-
päischen Diplomatie, welche gerade in Konstantinopel ihre schmachvollsten
Seiten gezeigt hatte. Es ist dieselbe Bewegung wie in Sowjet-Rußland, wo
man Petrograd verließ und in Moskau alle Kräfte slavischer Überlieferung
wiederfand.
Die Bewegungen in Griechenland verdienen kein Interesse, weil sie nur die
Unordnung zeigen, die den Niederlagen in Kleinasien folgte.
Die militärische Diktatur in Spanien ist eine vorübergehende Erscheinung
von geringerer Wichtigkeit. Den streitenden Parteien gelang es nicht, feste
und dauernde Regierungen zu bilden. Der König beseitigte im Einverständnis
mit einigen der militärischen Führer die Verfassung oder hob sie vielmehr
auf, ohne wirklichen Widerstand im Volk zu finden. Wahrscheinlich wird
das alles schnell enden ; wahrscheinlicher noch bereiten sich künftige Revo-
lutionen vor. In jedem Falle hat diese Diktatur weder Wirkung, noch Nach-
ahmung, noch Sympathie in der europäischen Politik gefunden, hat aber die
Monarchie ernstlich bloßgestellt. Wahrscheinlich wird sie Spanien zu einer
demokratischen Gegenbewegung treiben, die seine Erneuerung bedeuten kann.
Es gibt in Europa nur zwei wichtige Erscheinungen, welche die
Verleugnung der Freiheit darstellen: den russischen Bolschewis-
mus und den italienischen Fascismus.
Das Charakteristische dieser beiden Bewegungen liegt nicht nur darin, daß
sie von Männern des revolutionären Sozialismus ausgehen, sondern auch in
ihrer gemeinsamen Abneigung gegen jegliche Freiheit des Einzelnen und
gegen die Demokratie. In beiden Fällen war es eine Minderheit, welche idie
durch den Krieg geschaffenen Zustände benutzte und sich mit Waffengewalt
durchsetzte. Sie behauptete ihre Herrschaft, indem sie die Freiheit mehr
oder weniger unterdrückte und nur Abneigung und Verachtung für die demo-
kratische Organisation zur Schau trug. Aber welche Verbrechen man auch der
Sowjetherrschaft vorwerfen mag, sie bleibt ein großes geschichtliches Welt-
ereignis. Die Reaktion in Italien bleibt dagegen nur ein Tagesereignis, weil sie
sich auf kein Ideal, nicht einmal auf ein falsches gründet, sondern nur auf
brutale Gewalt.
Aber doch haben Bolschewismus und Fascismus auf die Arbeiterklassen
und die reaktionären Schichten eine große Anziehungskraft ausgeübt. Jahre-
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