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halb, weil wir diesen nach verschiedenen Gesichtspunkten auswählen
(auf welches Moment ich aber nicht ein so entscheidendes Gewicht
legen möchte, wie es von anderer Seite jetzt geschieht), sei es weil
er seiner Natur nach uns eine verschiedene Betrachtungsweise auf
nötigt. Wir können (oder wollen) die „Natllr" nur als die ewig
gleiche betrachten. In der von Anbeginn bis zu ihrem Untergang
dieselben Kräfte wirken, die sich „nach ewigen ehernen Gesetzen"
entfalten, so mannigfaltig auch die Gestalt sein mag, in der sich uns
das Natnrgeschehen darstellt. Gewiß ist der „Regen" nichts ewiges.
Er ist genau so ein historisches Phänomen wie die Preisbildung.
Aber wir betrachten ihn in seiner (wenn ich so sagen darf) Ewig
keitsgestalt: als Ausdruck der immer gleichbleibenden Kräfte, als eine
bestimmte Äußerung eines und desselben chemisch-physikalischen Pro
zesses, der die Welt erfüllt.
Daß nun diesen selben Prozessen auch das Menschendasein, auch
des Menschen Seele unterworfen ist, wollen wir nicht bezweifeln (da
mir persönlich jede antimonistische „Tendenz" ferne liegt). Aber
wir können (oder wollen) Menschentun nicht betrachten als Ausfluß
jener Naturkräfte, weil wir aus diesen die eigentlich wirksame Kraft
in allem Menschentun nicht zu erklären, nicht aufzubauen vermögen:
die menschliche Persönlichkeit, die menschliche Seele. Sobald wir
aber diese nicht aus- oder richtiger einschalten können in den Kausal
nexus menschlicher Geschichte, so erscheint uns diese als das Werk
des lebendigen Menschen und somit als das notwendig in seiner
Gestalt wechselnde Werk, weil von den ewig neu- und andersgestal
teten menschlichen Persönlichkeiten beeinflußt. Der Ausbruch des
Vesuvs im Jahre 79 ist ebenso ein einziges historisches Phänomen
wie die Zerstörung des Tempels im Jahre 70. Jenen aber be
trachten wir als das Werk ewig gleich wirkender Naturkrüfte, diese als