III. Lübecker Familien und Persönlichkeiten aus der Frühzeit der Stadt 133
es dennoch zu unerhörtem Wohlstand brachte und auch Ratsherr wurde.
Als er 1286 stirbt, tritt sein Reichtum quellenmäßig greifbar hervor. Denn
nun erst fließen die Gelder aus seinen groß angelegten Geschäften zurück
nach Lübeck, zur Verfügung seiner Witwe Gertrud Morneweg. Vom Jahre
1286 an, dem Todesjahre Bertram Mornewegs, wird der Lübecker Renten-
markt geradezu überschwemmt mit Kapitalien, die aus Mornewegs Ge-
schäften stammten. Die Folge war, daß zu Ende des 13. Jahrhunderts der
Zinssatz für Renten auf 6} % sinkt, ein für die damalige Zeit in Deutsch-
land fast beispiellos niedriger Satz. Wir können feststellen, daß die Witwe
bis 1301 ungefähr 14 500 Lübeckische Mark in Rentenkäufen angelegt hat,
das ist eine Summe, die ungefähr einer heutigen von 1450000 Goldmark
entspricht. Man sieht, das sind Beträge, die durchaus ernst zu nehmen sind.
Obendrein waren die Gelder Mornewegs in den Jahren 1290—1292 stark
anderweitig in Anspruch genommen. Damals herrschte im Finanzgebaren
der Stadt eine Krisis. Lübeck hatte sich durch großzügige Unternehmungen
weiter festgelegt, als es wirtschaftlich leisten konnte. Es hatte z. B. die
Wakenitz aufgekauft, um Wasser für seine großen Mühlen zu haben, die hier
den Weizen mahlen sollten für das Mehl, das nach Norwegen und Schweden
transportiert wurde. Damals hatte die Witwe Morneweg der Stadt große
Kredite eingeräumt und auf diese Weise ihre Kapitalien nutzbringend an-
gelegt.
Ein Blick auf die Debetseite bei den Rentforderungen der Witwe Morne-
weg ergibt ein überraschendes Bild: gerade die alten angesehenen Familien,
wie die Bocholt und Bremen, die Friso und Fiefhusen, vor allem aber die
Stalbuk, sind die größten Rentschuldner der kapitalkräftigen Witwe. Sie
verfügten über jenen wertvollen Grundbesitz, der zur Aufnahme starken
Kredits die nötige Sicherung bot; sie hatten aber auch das große Kredit-
bedürfnis, da ihre eigene kaufmännische Tätigkeit offenbar nicht gleichen
Schritt gehalten hatte mit der kaufmännischen Energie jener homines novi
im Stile eines Bertram Morneweg. Für einige der alten Familien spielt die
Witwe Morneweg die Rolle des Geldgebers, dessen Hilfe man sich gerne be-
diente, wenn auch nur vorübergehend; für andere aber wurde eine finanzielle
Abhängigkeit solcher Art bald verhängnisvoll. Das haben namentlich die
Stalbuk bitter empfunden: da sie die Renten nicht zahlen konnten, verloren
sie ihren Grundbesitz und mit ihm ihre letzte Kreditfähigkeit,
Zweifellos befanden sich die alten Gründerfamilien zu Ende des 13. Jahr-
hunderts in einer schweren Krisis. Die Frage der Kreditbefriedigung wurde
deshalb bei ihnen besonders brennend. Außer bei der Witwe Morneweg
suchten und fanden sie Hilfe bei Marquard Hildemar, der aus berufsmäßiger
Kreditvermittlung sein Geschäft machte. Von alten Familien, die den Geld-
gebern nicht mehr zuverlässig erschienen, übernahm er pfandweise ihren
Besitz. Den Geldgebern gegenüber wurde er selbst der Schuldner, indem er