142 IV. Außenpolitische und innerpolitische Wandlungen in der Hanse
keit und Großräumigkeit der hansischen Frühzeit. Es war gewissermaßen
eine einzige Gruppe von großen Familien, welche in Lübeck oder Riga und
Wisby, aber auch in Soest oder Münster die Maschen des politischen Netzes
zusammenknüpften.
Das alles drohte anders zu werden, als diese den inneren Zusammenhang
immer aufs neue belebende Welle nachließ. Notwendigerweise mußten in
dem Augenblick, als die alten, über große Räume hinweg bestehenden Be-
ziehungen des blutmäßigen Zusammenhanges nachließen, die Familien sich
von da an mehr als Führer und Interessenvertreter der Städte fühlen, in
denen sie sich endgültig niedergelassen hatten. Nirgendwo wird man aber
für die hier auftauchende Gefahr ein feineres Gefühl gehabt haben als gerade
in Lübeck. Denn nicht etwa nur auf den Vorzügen seiner geographischen
Lage beruhte Lübecks natürliche Anwartschaft auf das Führertum im
aiederdeutsch-hansischen Bürgertum. Weit mehr vielmehr darauf, daß
Lübeck zunächst der kraftvollste Exponent dieses Bürgertums war®®) und der
leitende Ausstrahlungs- und Verteilungspunkt seiner Energien blieb. Jede
Lockerung dieser Beziehungen bedeutete aber eine Schwächung der Führer-
stellung Lübecks.
In gewissem Sinne scheint gerade Danzig eine Ausnahme von der Be-
obachtung zu machen, daß im ausgehenden 14. Jahrhundert die Welle der
Kolonisation nachläßt. Gerade diese Stadt hat sich noch um jene Zeit aus
Gründen besonderer Art kräftig entwickelt; und eine solche Entwicklung
bedingte Zustrom von neuen Bürgern‘). Aber auch hier bestätigt zweierlei
die allgemeine Beobachtung. Zunächst geht auch in Danzig die Einwanderung
als Ganzes von 1364 bis 1399 ständig zurück. Sodann aber: Der Anteil aus dem
Mutterlande, einschließlich Lübecks, steht sehr wesentlich zurück hinter
dem Anteil der deutschen Zuwanderer aus dem Kolonialgebiet, namentlich
aus dem Ordenslande selbst. Und was auch hier am deutlichsten die allge-
meine Beobachtung unterstreicht: der prozentuale Anteil der Einwanderer
aus dem altdeutschen Gebiet sinkt, der aus dem Ordenslande steigt.
Mit anderen Worten: Schon in der Zusammensetzung der Bevölkerung geht
auch hier der Schwerpunkt allmählich auf die engere neue Heimat über.
In dem Verhalten der baltischen Städte trat damals zum erstenmal die
Gefahr hervor, die in einer örtlichen Verselbständigung der einzelnen Städte
der Gesamtheit, insbesondere Lübeck gegenüber lag. Riga und auch die
übrigen größeren Städte Livlands, unbefriedigt mit der ihnen ursprünglich
zugewiesenen Rolle, Durchgangs- und Etappenplätze des hansischen Ver-
kehrs nach dem Osten zu sein, erringen sich gerade in den 60er Jahren
steigenden Einfluß auf die Leitung des Hofes in Nowgorod. Seitdem ver-
lieren sie das Ziel nicht mehr aus dem Auge, sich die beherrschende Ver-
mittlung des Handels nach Nowgorod zu gewinnen. Gewiß, zur vollen und
verhängnisvollen Reife kamen diese örtlichen Sonderbestrebungen der