V. Die Hanse und die nordischen Länder
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kommen, weil die Schiffahrt ihren Zielpunkt verlegt und aus der Ostsee
hinaus nach Hamburg drängt. Ähnlich lag es damals. Die Linie Nowgorod—
Lübeck—Hamburg—Brügge drohte entwertet zu werden zugunsten direkter
Schiffahrtverbindungen der beiden Meere durch den Sund. Eine von dem
Umschlagverkehr auf Schonen sich lösende direkte Verbindung von Ost-
und Nordseehäfen, vereinzelt seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert nach-
weisbar, gewinnt gerade nach 1370 große und dauernd steigende Bedeutung
für den nord- und westeuropäischen Verkehr. Der Reichtum des Ostens an
Korn und Holz lieferte die für eine rentable Schiffahrt notwendigen Massen-
güter, die jetzt namentlich die Ordensstädte, aber auch der Orden selbst,
dann auch die livländischen Städte durch den -Sund auf Schiffen größeren
Rauminhaltes nach den Häfen der Nordsee, aber auch Frankreichs führten.
Und hier an der atlantischen Küste Frankreichs fanden die Schiffe der öst-
lichen Ostsee willkommenes Massengut als Grundlage ihrer Rückfracht,
französischen Wein, vor allem aber das Salz, das in der Bay de Bourgneuf
gewonnen wurde. Gerade seit 1370 setzt die starke Beteiligung der östlichen
Ostseestädte an dem Handel mit Bayensalz ein. In Lübeck wird man gerade
diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen betrachtet haben. Denn sie gab
der Sundfahrt eine größere Stetigkeit, da jetzt die Rückfrachtfrage gesichert
war. Selbstverständlich lenkte dieser regelmäßige Sundverkehr das Wertgut,
ausländisches Tuch und russische Rauchware, in bedenklicher Menge von
der alten Lübecker Linie ab. Das Eindringen des Bayensalzes in die Ostsee-
länder hatte aber für Lübeck noch die unangenehme Folge, daß sein Monopol
in der Versorgung der Ostseeländer mit Lüneburger Salz fortfiel. Man muß
nur einmal das Lübecker Pfundzollbuch von 1368 darauf durchgesehen
haben, welche Rolle dieses Lüneburger Salz noch 1368 in Lübeck als stets
verfügbares Massengut im Verkehr mit sämtlichen Ostseehäfen von Wismar
angefangen über Danzig, Reval, Gotland, Stockholm und Schonen spielte,
um das für Lübeck Unangenehme dieses Wandels zu verstehen. Dazu wurde
der Sund jetzt das Einfallstor für die Fremden, Die damals aufblühende
junge englische Tuchindustrie sucht und findet auf dem Wege England—
Sund—Danzig im Ordenslande reichlichen Absatz. Und dieses Eindringen
jes englischen Tuches durch den Sund bedeutete noch obendrein eine Ent-
wertung des westlichen Hauptstützpunktes der Hanse, nämlich des Brügger
Stapels und der flandrischen Tucheinfuhr über Hamburg—Oldesloe, von
deren imponierender Bedeutung ich für das Jahr 1368 bereits die Zahlen
mitteilte.
Ein Blick auf diese Verschiebungen im nordeuropäischen Handel und Ver-
kehr um 1370 macht den Gegensatz zwischen den preußischen und wendischen
Städten nach dem Stralsunder Frieden nur allzu verständlich. Man wird es
der Lübecker Politik nicht verübeln können, daß sie wenig Neigung zeigte,
sich für politische Forderungen der preußischen Städte einzusetzen, deren
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