V. Die Hanse und die nordischen Länder
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Ausfuhrgut war der Stockfisch; nicht umsonst führen die Lübecker Bergen-
fahrer ihn in ihrem Wappen. Auf diesen Ausfuhrhandel hatte aber jetzt der
Hanse seine Hand gelegt und damit eine Art Handelsherrschaft über das
Land errichtet. Das Land hatte aber die Erinnerung an seine frühere wirt-
schaftliche Unabhängigkeit nicht verloren. Es ist deshalb kein Wunder, daß
sich hier das Verhältnis des Deutschen zum Einheimischen anders gestaltete
als in Schweden. Getrennt von der einheimischen Bevölkerung hauste der
deutsche Kaufmann in seinen großen Häusern am Hafen, an der sogenannten
Deutschen Brücke. Hier wurden nur Männer geduldet, das Conubium mit der
einheimischen Bevölkerung war verboten, im vollen Gegensatz zu Schweden.
Es ist denn auch kein Wunder, daß die Lebensformen in diesen Männer-
häusern nicht gerade die gesittetsten waren. Noch heute ist ja der Begriff
„Die Spiele der Deutschen in Bergen“ einer der wenigen, die sich im Bewußt-
sein weiterer Kreise über hansische Dinge gehalten haben. Es wäre töricht,
bestreiten zu wollen, daß es bei diesen Spielen sehr übel zuging, und daß den
zum erstenmal nach Bergen kommenden jungen Kaufleuten dabei böse mit-
gespielt wurde. Aber wir wollen dabei zweierlei nicht vergessen. Einmal haben
diese Spiele erst in einer Zeit ihre größte Ausgestaltung gewonnen, als die
Zeit der kraftvollen Blüte der hansischen Handelsstellung in Bergen bereits
vorüber war. Niedergangszeiten pflegen gerade das Nebensächliche bis zur
Unerträglichkeit zu übertreiben. Sodann aber war im 16. und 17. Jahrhundert
der allgemeine Ton in Deutschland und im Norden sicher im allgemeinen in
einer beängstigenden Form verroht. Weder der Humanismus noch die Refor-
mation hatten im 16. Jahrhundert eine arge Derbheit, ja Verrohung der
Sitten bei hoch und niedrig verhindern können, und der Dreißigjährige Krieg
hat dann gewiß nicht die Sitten veredelt.
Doch es wäre ein Verkennen des Wesentlichen, bei diesen Dingen länger zu
verweilen. Man würde nur die Proportionen des Gesamtbildes damit stören.
Und da ist es weit bedeutungsvoller, daß die Hanse die nordischen Länder
mit manchem wirklichen Kulturgut auch außerhalb des Warenhandels be-
fruchtet hat. In der Frühzeit waren es Anregungen für die Architektur;
namentlich der gewaltige Kirchenbau Wisbys auf Gotland ist ohne den Ein-
1uß aus Rheinland und Westfalen, dem Ursprungsland und Nährboden des
hansischen Bürgertums, undenkbar. Es darf aber nicht unerwähnt bleiben,
daß von Schweden und Gotland aus damals manches Motiv in Architektur
und Plastik auf den Bahnen des Handels zurückgewandert ist nach dem
rheinisch-westfälischen Kulturgebiet. Bereits im 14., dann gewaltig an-
steigend im 15. Jahrhundert bis ins 16. Jahrhundert hinein sind von Lübeck
wesentliche künstlerische Einflüsse nach den nordischen Ländern hinüber-
gegangen®). Ich nenne für die erste Hälfte des Jahrhunderts die ergreifenden
Plastiken Lübecker Provenienz im Brigittenkloster zu Vadstena in Schwe-
den, wie sie jetzt durch das Werk Wilhelm Pinders weiteren Kreisen bekannt