222 VIL Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts
dieser kraftvollen Stadt zu untersuchen. Wenden wir uns also einer Unter-
suchung solcher Art zu.
Was wissen wir von den Lübecker Gewandschneidern? Zunächst zwei
Zahlen: um 1290 gab es 150, um 1500 20 bis 25 Gewandschneider**). Wollte
man diese Zahlen wörtlich nehmen, so hätten sich also die Gewandschneider
in gut 200 Jahren auf } oder gar + ihres ursprünglichen Bestandes ver-
ringert. Das mutet sonderbar an, wenn man Z,. B. sieht, daß die Zahl der
Bäcker in derselben Zeit die gleiche bleibt: ungefähr 50. Hält man nun die
50 Bäcker des Jahres 1290 gegen die 150 Gewandschneider desselben Jahres,
so fragt man sich mit einigem Staunen, was 150 für den Kleinverkauf von
Tuch am Ort selbst arbeitende Händler eigentlich zu tun gehabt haben sollen,
wenn zur selben Zeit 50 Bäcker genügten, um den ganzen Bedarf der Stadt
an ihrer so lebensnotwendigen Ware zu decken. Die Lösung liegt darin:
Dersogenannte Gewandschneider von 1290 ist nach Tätigkeit und
Eingliederung in das Gesamtwirtschaftsleben der Stadt ganz
atwas anderes als sein Namensvetter um 1500.
Was der letztere war, ist noch in der Erinnerung des heutigen Lübecks
durchaus geläufig: er war Detaillist, zwar angesehener Detaillist wegen der
Wertschätzung, deren sich seine Ware erfreute, aber immerhin doch nur
Detaillist, und deshalb noch im 19. Jahrhundert von der Ratswahl ausge-
schlossen. Für etwa 20 solcher Händler wird in Lübeck in den späteren
Jahrhunderten Raum genug gewesen Sein. Sie waren also: Detaillisten
für Tuch im Hauptberuf.
Ganz anders liegen die Dinge im ausgehenden 13. Jahrhundert. Da fällt
es zunächst auf, daß unter den 150 Gewandschneidern, die damals gleich-
zeitig nebeneinander als solche fungieren, eine stattliche Reihe von Rats-
herren begegnet. Ich nenne nur die Namen Bardewik, Bocholt, Campsor,
Clendenst, Cusfelde und Stalbuk, alle Mitglieder von Familien, die irgend-
wie mit den Gründungsunternehmern der Stadt aus dem 12. Jahrhundert
zusammenhängen. Aber schon damals sind die Gewandschneider in sich
nicht einheitlich. Ganz wenige von ihnen, unter ihnen gerade die angesehen-
sten Namen, sitzen im Erdgeschoß des heutigen Rathauses. Auch der untere
Stock des dahinterliegenden eigentlichen Gewandhauses, die heutige Börse,
wurde von ihnen noch häufig benutzt. Die nach der Höhe des Standgeldes
billigsten und zahlreichsten Verkaufsplätze im Oberstock sind aber auch im
13. Jahrhundert nur in ganz wenigen Fällen von im Rate sitzenden Familien
benutzt worden.
Ich überspringe einige Jahrzehnte bis in die siebziger und achtziger Jahre
des 14, Jahrhunderts. Der Reichtum der für diese beiden Jahrzehnte er-
haltenen Listen der Inhaber von Verkaufsplätzen im Gewandhaus?®°) sowie
die Fülle der übrigen Quellen für dieselbe Zeit lassen hier ganz gesicherte
Ergebnisse zu.