Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

VII. Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts 225 
Trave bis nach Oldesloe wachte, obwohl an beiden Seiten holsteinisches 
Territorium lag: auf ihr vollzog sich eben der Warenverkehr von Lübeck 
nach Hamburg, bis dann die Waren in Oldesloe auf die Lastwagen geladen 
wurden. Man braucht nur eine Warengattung herauszugreifen, um die 
Bedeutung dieses Warenverkehrs auf der Obertrave in das rechte Licht zu 
stellen: ich wähle abermals das Tuch, das über Oldesloe nach Lübeck ein- 
geführt wurde, 
Bei sorgsamer Verrechnung und Bewertung der im Pfundzollbuch für das 
Jahr 1368 enthaltenen Einzelposten ergibt sich nun, daß in diesem Jahre 
461 Einzelposten überseeischen Tuchs im Gesamtwerte von 149580 $ 1. von 
Oldesloe nach Lübeck kamen?*®). Dabei ist zu beachten, daß es sich hierbei 
nur um eine Mindestzahl handelt. Denn einmal bleibt noch die Frage 
offen, wie weit flandrisches Tuch auf der Landstraße von Hamburg her nach 
Lübeck kam. Ferner bleibt noch zu klären, wie sich die Verzollung in Lübeck 
zu der Verzollung in Hamburg verhielt?). Sodann handelt es sich hier um 
Angaben für die Verzollung, die jedenfalls nicht zu hoch ausgefallen sein 
werden; und endlich ist das Pfundzollbuch selbst nicht ganz lückenlos er- 
halten. 
Immerhin: schon diese Mindestzahl ist weit imponierender, als die durch- 
weg zu geringen Schätzungen des damaligen hansischen Gesamthandels?5) 
vermuten lassen; und diese Mindestzahl wird uns noch einiges zu sagen 
haben. 
Es handelt sich also um rund 460 verzollte Einzelposten im Gesamtwerte 
von rund 150 000 % I. Das bedeutet nun nicht etwa, daß 460 verschiedene 
Kaufleute an dieser Tucheinfuhr beteiligt wären. Dieselben Namen kehren 
vielmehr häufig wieder. Es entspricht der bekannten Risikoverteilung, daß 
der Kaufmann seine Ware von Flandern in mehreren Posten kommen ließ, 
die zu verschiedenen Zeiten den Zoll passierten. Schon dies sollte gegen die 
romantische Meinung sprechen, die noch den Kaufmann des 14. Jahrhun- 
derts seineWaren selbst begleiten läßt. Warenhandel, Reederei und Spedition 
sind bereits drei selbständig nebeneinander stehende Geschäftszweige. 
Wenn also auch für den einzelnen verzollten Posten sich 325 % 1. als Durch- 
schnittswert ergeben, so ist doch der Anteil des einzelnen Kaufmanns an 
dem Gesamtbetrag weit größer. Für 17 Doppelposten, bei denen auf den- 
selben Namen hintereinander 2 Tuchquanten verzollt werden, ist der Einzel- 
betrag bereits auf 650 im Durchschnitt anzusetzen. Es kommen aber tat- 
sächlich weit höhere Einzelbeträge vor. Ich nenne 2 Einzelposten von je 
2280 und 2196 & 1., ferner 18 weitere über 1000 % I. Zu noch höheren Zahlen 
würde die Berechnung der Gesamtanteile der einzelnen Kaufleute führen. 
Würde die oben skizzierte herrschende Meinung zutreffen, so müßten es in 
erster Linie die Gewandschneider sein, die als Importeure dieses Tuches in 
Betracht kämen mit der Absicht, es im Kleinhandel zu veräußern. Nun liegen 
Rörig, Hansische Beiträge. 
* po
	        
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