Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

VII. Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts 233 
schaftsprogramm mit all seinen für den Fern- und Großhandel ver- 
hängnisvollen Folgen. 
Es ist nicht so, daß die im Handel gegen Ende des 14. Jahrhunderts ein- 
tretende Spezialisierung als ein Fortschritt aufzufassen wäre%), Vom Stand- 
punkt des Handels allein trifft jedenfalls das Gegenteil zu. In der vollkommen 
freien Möglichkeit, aus der Unsumme der wirtschaftlichen Betätigungen 
auf dem Gebiete des Waren- und Geldhandels, wie sie der überragende Platz 
Lübeck bot, auszuwählen und nach Neigung und Konjunktur zu wechseln, 
darin liegt die Größe und Schwungkraft der Lübecker Kaufmannschaft der 
Frühzeit bis zum Ende des 14. Jahrhunderts. Damit geht es im 15. Jahr- 
hundert sehr bald zu Ende, nicht zuletzt im Zusammenhang mit den bürger- 
lichen Unruhen, die um die Jahrhundertwende die Stadt durchzuckten. Die 
Anschauungen der Zünfte setzen sich durch und brechen ein in das von 
ihnen bisher vollkommen freie Gebiet des Handels. Das zu schildern, ist 
heute nicht mehr meine Sache, Nur auf eins möchte ich hier hinweisen: man 
wird den Dingen wenig gerecht, wenn man das Lübeck des 16. Jahrhunderts 
in Vergleich setzt mit den oberdeutschen Städten derselben Zeit. Man ver- 
gleicht dann ein niedergehendes mit einem frisch aufstrebenden Gemein- 
wesen. Will man den Vergleich ziehen, so vergleiche man das Lübeck aus der 
ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit jenen Städten des 16. Jahrhunderts. 
Dann ergeben sich zum mindesten in der wirtschaftspsychologischen 
Struktur weit eher wirkliche Vergleichspunkte. Man erinnere sich auch 
daran, daß es eben jene Schicht kraftvoller Großhändler war, wie wir sie für 
das 14. Jahrhundert kennen lernten, die sich bereits zu Anfang des Jahr- 
hunderts in den himmelstürmenden Steinmassen der Marienkirche, der 
eigentlichen Rats- und Bürgerkirche, ein ihr wesensverwandtes Denkmal 
gesetzt hat. So lehrt gerade diese Beobachtung aufs neue, wie verkehrt 
es ist, der wirtschaftlichen Entwicklung des mittelalterlichen Deutschlands 
eine Einheitlichkeit zu unterstellen, die ihr durchaus fehlt: wie notwendig 
es deshalb ist, für die verschiedenen wesentlichen Einzelorganismen ihre nur 
ihnen eigene Sonderentwicklung festzulegen, bevor man zu einem Gesamt- 
bau schreiten darf. 
Ich stehe am Ende, Ich glaube, Sie werden selbst das Gefühl haben, daß 
es kein willkürlicher Abschnitt aus Lübecks Handelsgeschichte war, zu 
dessen Behandlung der heutige Abend bestimmt war. Am Anfang steht die 
große Krise des ausgehenden 13. Jahrhunderts. Mit kraftvollem Schwung 
reißt damals eine neue kaufmännische Oberschicht die Führung in Wirt- 
schaft und Rat an sich. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis über 
seine Mitte hinaus wirkt sich dieser neue Kaufmannsstand in voller Freiheit, 
aber auch in voller Verantwortlichkeit in Wirtschaft und Politik aus. Die 
führende Schicht dieser Kaufmannschaft sind echte Großhändler. Aber 
schon in der dritten Generation der wichtigsten dieser Familien — ich nenne
	        
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