Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Gründungsunternehmerstädte des 12. Jahrhunderts 255 
das Errichten der Kaufhäuser, der „halae‘‘, Sache der Landesherrschaft sein 
sollte. Man erinnere sich, wie sehr gerade der Besitz und die behördliche 
Aufsicht über die Marktbaulichkeiten ein Kernstück der Lübecker Grün- 
dungspolitik war, und man wird verstehen, wie wenig diese Forderung in 
der Richtung der Lübecker Wünsche lag. Aus der Gründung wurde auch 
diesmal nichts; die Zeiten waren andere geworden. Mit der bereits erwähnten 
maßgebenden Beteiligung Lübecks an der Gründung von Stockholm hat 
die alte Lübecker Gründungspolitik wohl im wesentlichen ihren Abschluß 
gefunden; die Gründung der heutigen Marktsiedelung Reval ist vielleicht 
als letzter Ausläufer anzusprechen. 
Aus diesen letzten Zeugnissen über die von Lübeck befolgte Gründungs- 
politik wird ganz unmittelbar klar, wie sehr Gründungen dieser Art auf den 
vom Fernhandel vorgezeichneten Bahnen erwuchsen oder geplant waren; 
ganz ebenso, wie einst Lübeck selbst entstanden war: als Kolonie des west- 
deutschen Kaufmanns. Dasselbe gilt aber auch von jener anderen Stadt, 
die uns eingehender beschäftigt hat, von Wien. Ich meine selbstverständlich 
das als Marktort angelegte Wien; nicht etwa eine bescheidenere ältere Sied- 
lung, die auch hier vorhanden war%). v. Voltelini hat die wirtschaftlichen 
Auswirkungen der Kreuzzüge um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert 
herangezogen, um das Entstehen und Aufblühen des Marktortes Wien ver- 
ständlich zu machen; als letzter heimatlicher Etappenort vor dem Zug durch 
das hinter der Leitha beginnende Halb- oder Ganzasien habe Wien zum 
erstenmal eine Anziehungskraft für die „bedeutendste oberdeutsche Stadt 
an der Donau, Regensburg‘ gewonnen*®?)., 
Ich möchte Wien in einen noch näheren Zusammenhang mit Regensburg 
setzen. Die überragende Bedeutung Regensburgs als südostdeutschen 
Handelsplatzes im 11. und 12. Jahrhundert ist ja in den neueren handels- 
geschichtlichen Darstellungen mit allem Nachdruck hervorgehoben worden®?); 
donauabwärts waren die Regensburger die Herren in Handel und Schiff- 
fahrt**). Ihr Ziel war das im 12. Jahrhundert weitberühmte Kiew, Ungarn das 
Durchzugsland*). Nach der anderen Richtung, nach dem Westen, standen sie 
über die Verkehrslinie des Mains hinweg in engsten Beziehungen zu den tuch- 
erzeugenden westlichen Ländern, nach dem Niederrhein, auch nach Frank- 
reich. Mit den Kölnern teilten sie sich in den Tuchvertrieb nach dem Südosten 
mit ihnen zogen sie weiter donauabwärts. Es ist aber nicht nur die Weiträu- 
migkeit des Regensburger Handels, sein ausgesprochenes Interesse an der Be- 
herrschung der Donaustraße nach Südosten, sondern noch ein anderes, was 
hier auf sie hinweist: ihr Sinn für Organisation und ihre tatkräftige Aktivi- 
tät*°). Noch am Ende des 12. Jahrhunderts zeigt ja die Erneuerung des 
Marktrechts von Enns sehr deutlich, wie die Regensburger die eigentlichen 
Leiter des Marktverkehrs in Enns sind und schon vorher „a primo institutionis 
tempore‘“ waren“). Wenn daher auch bei dem überaus dürftigen Urkunden-
	        
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