Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

VII. Die Gründungsunternehmerstädte des 12. Jahrhunderts 259 
Regensburgs; hinter der Freibergs in Sachsen doch wohl Goslar®), zum 
mindesten als lockendes Vorbild. Da erhebt sich allerdings die Frage: sollten 
nicht in diesen Städten Altdeutschlands während ihres Wachsens vom 10. bis 
12. Jahrhundert sich bereits Kräfte ähnlicher Art geregt haben, wenn auch 
noch verdeckt unter der scheinbar schöpferischen, in Wirklichkeit doch 
wohl mehr bestätigenden und anerkennenden Beurkundungstätigkeit der 
Stadtherren? Da wird es doch nicht so zufällig sein, daß eben diese beiden 
Städte, Köln und Regensburg, in ihren Vorstädten an Rhein und Donau im 
10. Jahrhundert bereits Stadtviertel ausgesprochen kaufmännischer Zweck- 
setzung erhalten haben. Für Köln hat diese Frage ja neuerdings Karl Frölich 
im Anschluß an meinen „Markt von Lübeck“ wieder eingehend erörtert®?), 
nachdem vorher die Entstehung der Martinsvorstadt im Zusammenhang 
mit der Frage der Bedeutung der Kölner Kaufmannsgilde bereits eifrig 
behandelt wurde*?); für Regensburg würde jedenfalls dieselbe Möglichkeit 
theoretisch bestehen, nicht weniger wie für die Mainzer Rheinvorstadt. In 
der so verwickelten Geschichte Goslars scheinen wenigstens bei den montani 
und silvani, den Berg- und Hüttenbesitzern, die Ansätze unternehmerartiger 
Stellung bei starker Abhängigkeit der Handwerker von ihnen schon sehr früh 
gegeben zu sein®t). Vor allem aber gewinnt Braunschweigs Geschichte für 
die neue Problemstellung eine besondere Bedeutung. Denn einmal reicht 
diese Stadt in ihren Anfängen in die Zeit vor das 11. Jahrhundert zurück; 
mögen diese Anfänge auch sehr bescheiden gewesen sein. Sodann aber hat 
sie gerade im 12. Jahrhundert ihren glänzenden Ausbau genommen; ganze 
Stadtteile des heutigen Braunschweigs sind echte Gründungsstädte des 
12. Jahrhunderts. Schon in der Altstadt, deren jetzige Marktanlage mit 
der Martinikirche auch erst dem 12. Jahrhundert angehört *%), tritt ein 
grundbesitzendes Patriziat auf, das vor allem auch an den Marktbuden 
beteiligt ist, und neben dem nur noch der Rat als Eigentümer von Markt- 
baulichkeiten begegnet; dasselbe Patriziat besitzt aber zugleich gerade in 
den nördlicheren, also dem 12. Jahrhundert angehörenden Stadtteilen, Wort- 
und Hauszinse*®®), In dem unter Heinrich dem Löwen angelegten Hagen 
sind dieselben Patrizierfamilien der Altstadt „mit Grundzinsen begütert 
und im Rate vertreten‘; und in der wenig jüngeren Neustadt lassen sich 
„Wort- und Erbzinse Altstädter Burgensen in gewissen Straßen fast Haus 
bei Haus nachweisen‘; auch hier begegnen Namen der Altstadt unter den 
Ratsmannen des 13. Jahrhunderts, So hat denn bereits 1868 Ludwig Hänsel- 
mann die Vermutung ausgesprochen, daß Heinrich der Löwe bei den Neu- 
gründungen von Hagen und Neustadt das Patriziat der Altstadt „in der 
Weise von Lokatoren‘“ herangezogen habe; statt des Widerspruchs, den 
Hänselmann gefunden hat**), wird, so möchte ich glauben, eine eindringen- 
dere Untersuchung unter der neuen Blickrichtung Hänselmanns Vermutung 
nicht nur bestätigen, sondern sogar für die Altstadt selbst die Vorherrschaft 
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