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II. Der Markt von Lübeck
Zugleich enthalten dieselben Stadtbucheintragungen, die so einzigartigen
Stoff zu topographischen und statistischen Übersichten und Querschnitten
liefern, gewichtige Tatsachengruppen gegen eine voreilige Verallgemeinerung
des Zuständlichen für die Zeiten vorher und nachher. Die Stadtbücher liefern,
wie Paul Rehme es ausgedrückt hat: „die Erkenntnis der fortschreitenden
geschichtlichen Entwicklung, nicht nur des zu einer bestimmten Zeit be-
stehenden Zustandes‘. In der Tat, die geradezu erstaunliche Beweglichkeit
und teilweise Gegensätzlichkeit der sich in den rechtlichen und wirtschaft-
lichen Zuständen des Marktes abspielenden Veränderungen bis um die Mitte
des 14. Jahrhunderts ist eine der wertvollsten Erkenntnisse allgemeiner Art,
die sich aus den vorstehenden Studien geradezu aufdrängt. Sie ist zugleich
eine ernste Warnung gegenüber jener verbreiteten Vorstellung der Einheit-
lichkeit der wirtschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse des Mittelalters,
seines konservativen, traditionellen, sich immer gleich bleibenden Charak-
ters16), Was zunächst die innere Geschichte Lübecks angeht, so hat dieser
entscheidende Irrtum die Darstellung bisher geradezu zur Unfruchtbarkeit
verurteilt und damit die Achtlosigkeit verursacht, die Lübeck in der For-
schung der letzten Jahrzehnte zuteil geworden ist, obwohl das Lübeck des
13. Jahrhunderts einer Stadt wie Köln an wirklicher Bedeutung gewiß nicht
nachsteht. Das seit der Mitte des 14. Jahrhunderts einsetzende Quellen-
material und den sich in ihm ausdrückenden Geist datierte man unbedenk-
lich zurück in die Frühzeit der Stadt; so bei den Verbänden der Handwerker
und Kaufleute, so bei der Frage des Patriziats, so auch bei der Ratsver-
fassung. Gewiß, um 1350 setzt ein Zug des Beharrens unverkennbar ein und
ist charakteristisch für die Folgezeit. Man nimmt aber Lübecks Geschichte
aicht nur allen Reiz, wenn man diesen Zug des Beharrens — um es kurz
anzudeuten: den Geist der geschlossenen Stadtwirtschaft mit all seinen
obrigkeitlichen und genossenschaftlichen Bindungen — in die Frühzeit des
14. Jahrhunderts oder gar noch ins 13. und 12. Jahrhundert zurückverlegt,
sondern man untergräbt sich damit jede Möglichkeit eines Verstehens der
älteren Geschichte Lübecks. Die Kräfte, die es schufen, wollten lösen, nicht
binden, wollten sich frei auswirken, nicht beengt werden. Bei der Dürftigkeit
der unmittelbaren Quellen der Frühzeit war bisher dieses Geschlecht der
wagenden Unternehmer für unser geschichtliches Bewußtsein verloren-
gegangen. Nun leuchten seine letzten Spuren auf einmal aus der Marktkarte des
ausgehenden 13. Jahrhunderts uns entgegen; die Stadtbücher erweisen
sich auch als retrospektiv verwertbare Quelle. Allerdings, es sind
die letzten Spuren jener Frühzeit, die von uns aus dem erhaltenen Quellen-
material noch zu erhaschen sind: es ist das Unternehmerzeitalter im
Zustande der Liquidation. Es soll hier nicht untersucht werden, ob man
nicht auch sonst für das Mittelalter Quellenmangel oder Mangel an bequem
benutzbaren Quellen durch Rückdatierungen ähnlicher Art ausgeglichen