2556 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
Macht festzuhalten oder zu steigern, sich zur Geltung zu bringen auch auf
Kosten des anderen, einem Willen auch zur Härte begegnet eine innere
Bereitschaft, vor der anderen Teilgruppe zurückzustehen.
Nach der Verschiedenheit der Beziehungen, in der die Interessen
der Beteiligten zueinander stehen, können wir ferner unsere Verhältnisse
so kennzeichnen: In der Gemeinschaft fallen die Interessen der
Beteiligten zusammen. Das Gedeihen der Kinder z. B. in der Familie
wirkt zugleich fördernd auf die Eltern zurück. Es decken sich also in
dieser Hinsicht die Interessen der Eltern mit denen der Kinder. Allzemein
herrscht dieselbe Tatsache überall da, wo Solidarität im Handeln
besteht: eine und dieselbe Willenshaltung bei allen Beteiligten dient der
allgemeinen Förderung der Gesamtheit. Im Anerkennungsverhältnis
dagegen, z. B. beim redlichen Tausch, geht jeder, Partner seinem eigenen
besonderen Interesse nach, aber er dient damit zugleich demjenigen seines
Gegenüber: wir können also von einem Gleichgewicht der Interessen
sprechen. Beim Kampf- und Machtverhältnis dagegen will der eine Teil
auf Kosten des anderen gewinnen oder eine Gesellschaftsordnung zu seisen
Gunsten behaupten: hier besteht also ein Gegensaß der Interessen;
ım Machtverhältnis ist der Gegensag freilich nur objektiver Natur, da die
Ungleichheit, solange sich nichts vom Kampfverhältnis einmengt, beiderseits
gewollt ist.
Ebenso werden die verschiedenen Verhältnisse von den Beteiligten
innerlich verschieden erlebt. Im Gemeinschaftsverhältnis
herrscht, wie wir sahen, ein Gefühl der Vertrautheit und ein Bewußtsein
der Zugehörigkeit. Es tritt hier eine kollektive Form des Selbstgefühls
und Selbstbewußtseins auf, die den Einzelnen seine Gruppe mit umschließen
läßt. Im Anerkennungsverhältnis wird das Zusammen ersegßt
durch ein bloßes Nebeneinander. Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit
und damit auch das früher charakterisierte Heimgefühl ist diesem
Verhältnis völlig fremd. Die Berührung findet immer nur längs eines
Punktes oder einer Linie statt (je nachdem das Verhältnis vorübergehend
oder dauernd ist). — Im Kampfverhältnis findet eine förmliche
innere Abstoßung statt, die Fremdheit hat hier positiven Charakter: man
will jede innere Berührung positiv vermeiden, man will sich einander
vom Leibe halten. Dadurch ist insbesondere die Fühlung ausgeschlossen:
im Kampfzustand kann man sich nicht verstehen (oder nur in vermindertem
Maße), weil man es nicht will. Daher jene bekannten Begleiterscheinungen
des Kampfes: diejenigen, die in einen geistigen Kampf
miteinander verwickelt sind, reden mit Vorliebe aneinander vorbei. .Sie
hören nicht aufeinander und verstehen sich nicht, selbst in den einfachsten
Dingen. Besonders bei Gelehrten kann man die erstaunlichsten
Mißverständnisse und eine förmliche Blindheit erleben, die gegen die hier