Full text : Gesellschaftslehre

Übergewicht des Gemeinschaftsverhältnisses über die Gesellschaftsverhältnisse, 317

fasser die Stärke der Gemeinschaftsbande betont haben: „Nur wenn wir
diese Tatsache beachten, können wir verstehen, wie wenig ernsthafte
Übergriffe erfolgen, wie selten die Streitigkeiten sind und wie selten
Fälle des Ungehorsams gegen den Häuptling.“ Wo über Häufigkeit der
Zwiste im engeren Kreise, z. B. in der Ehe, berichtet wird, ist zunächst
zu fragen, ob nicht zerseöende Einflüsse der Berührung mit der europäischen
 Kultur vorliegen. Insbesondere scheint auf der tiefsten Kulturstufe,
 wie sie vorzüglich durch die Pygmäenstämme repräsentiert wird,
die Eintracht innerhalb der Lokalgruppe sehr wenig gestört zu werden.
In viel stärkerem Maße gilt dasselbe vam Machtverhältnis.
Wenigstens in seiner stärkeren‘ Ausprägung ist es beschränkt auf die
Stufe des Staats, d. h. der herrschaftlichen Organisationsform des politischen
 Lebens im Gegensas zu der ihr vorausgehenden genossenschaftlichen
 Form. Anfänge des Klassenwesens im Verhältnis der Geschlechter
zueinander wie der Erwachsenen zur Jugend reichen weit herab. Sie
finden sich z. B. im Verhältnis der Männer zu den Frauen schon bei den
australischen Eingeborenen. Die Erziehung weist ebenfalls bei ihnen
und noch mehr bei den Melanesiern bereits ausgesprochene Anfänge eines
Herrschaftsverhältnisses in Gestalt einer strengen Disziplin bei der Reifefeier
 und bei der ihr voraufgehenden Internatserziehune auf.

3. Die vorstehende historische Betrachtung können wir durch eine
systematische ergänzen. Es erweist sich nämlich bei näherer Prüfung
 das Bestehen der Gemeinschaft als Voraussegung für das Auftreten
der Gesellschaft, weil alle sozialen Phänomene in der Gemeinschaft besonders
 stark entwickelt sind. Für uns kommt in dieser Beziehung in
Betracht der Wille zur Einhaltung derjenigen Regeln, die bei allen geregelten
 Verhältnissen auftreten. Gerade die gesellschaftlichen Kampfund
 Machtverhältnisse enthalten, wie wir sahen, eine derartige Geregeltheit
 als eine wesentliche Seite in sich, und das ebenso für uns in Beiracht
 kommende Rechtsverhältnis ist mit einem geregelten Zustand geradezu
 identisch. Das Rechtsverhältnis, um bei diesem als Beispiel stehen
zu bleiben, ist stets von der Gefahr bedroht, daß es in der Leidenschaft
von den Parteien durchbrochen wird. Sicherheit gewährt es nur da, wo
gegen diese Versuchung ein hinreichender Schut besteht. Es wäre kaum
zu verstehen, wie die Gesellschaftsverhältnisse (im Sinne von Tönnies)
aus sich heraus diesen Schuß erzeugen könnten. Hinreichend günstige
Bedingungen dafür bietet nur die Gemeinschaft. Der Wille zur Einhaltung
 der aufgerichteten Ordnung trotz der entgegenstehenden Versuchung
 kann eingeübt werden nur in ihr; und nur wenn dies vorangegangen
 ist, kann er sich bewähren auch außerhalb ihrer. Erstens ist
für die Handelnden die Versuchung innerhalb der Gruppe geringer als
            
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