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Auffassung liegt: in der Annahme fertiger oder starrer Individuen, die
vor allen Gruppenleben bereits als solche bestehen. Tatsächlich wird das
Individuum in dem sozialen Zusammenspiel ebenso geformt wie die
Gruppe ihrerseits. — Die Wirklichkeit des Gruppenlebens ist natürlich
viel verwickelter als der von uns eben angenommene Fall, jedoch läßt sie
sich aus diesem durch eine Reihe von fortgesegten schrittweisen Ver-
änderungen ableiten, bei denen sich zeigen läßt, daß die abgeleiteten Er-
yebnisse durch sie nicht berührt werden.
Die Darstellung des angedeuteten Sachverhaltes stößt auf besondere
Schwierigkeiten. Eine völlig. adäquate Darstellung in dem Sinne, wie ein
naturwissenschaftlicher Sachverhalt dargestellt werden kann, ist nicht möglich. Um
ihn zu erfassen, muß man die Ergebnisse zweier entgegengesetggter Standpunkte in
einer schöpferischen Synthese vereinigen. Darstellen wird man demgemäß den Sach-
verhalt der Reihe nach von jedem dieser beiden Standpunkte, indem man deren
jedesmalige Ergebnisse auf diese Weise jeweils ergänzt. In diesem Sinne können
wir von dem Wesen der Gruppeneinheit das Folgende sagen: jeder gibt der Gruppe
etwas von seinem Wesen, aber jeder empfängt auch von ihr etwas für sein Wesen.
Es gibt kein Wirken auf sie, ohne daß man gleichzeitig von ihr beeinflußt wird. Zu
dem Geist der Gruppe trägt ein jeder bei, durchaus nicht nur die führenden und
schöpferischen Personen. Vielmehr übt ein jedes Mitglied und sei es noch so un-
bedeutend und schwach in seiner Art seinen Einfluß aus, weil ein jedes an der end-
losen Reihe von Vorgängen des sozialen Zusammenspielens, wenn auch in noch 80
bescheidener Weise, doch etwas beteiligt ist. Und umgekehrt gibt es niemand, der
sich der Beeinflussung durch die Gruppe entziehen könnte. Sie besteht nicht nur für
den werdenden und in sie eintretenden Menschen, sondern auch der reife Mensch be-
wahrt sich immer noch etwas von jener Bildsamkeit, vermöge deren in jedem vollen
Zusammenspielen jedes Mitglied aufs neue wieder geformt wird. — Ebenso köunen
wir sagen: wäre auch nur ein einziges der zugehörigen Individuen im geringsten
von seiner tatsächlichen Persönlichkeit verschieden, so würde auch die Gruppe nicht
mehr dieselbe sein können. Aber auch umgekehrt gilt der Sag: wäre die Gruppe
im geringsten verschieden, d. h. wäre von den bisherigen oder gleichzeitigen Perso-
nen auch nur eine in etwas von abweichender Beschaffenheit, so würde auch jedes
andere Individuum (das mit dem erwähnten Individuum in irgend einem wenn auch
noch so indirekten sozialen Kontakt steht) seine Persönlichkeit nicht unverändert
erhalten.
Literatur: Litt, Individuum und Gemeinschaft3, Leipzig 1926. — Walter
Schering, Ganzes und Teil bei der sozialen Gemeinschaft, Berliner Diss. 1927. —
Zur Logik der Geisteswissenschaften: Troeltsch, der Historismus und seine Probleme I,
37 flg. — Mein Bericht über Gesellschaftsphilosophie in den Jahrbüchern der Phi-
Josophie III, 281 f.
Yierkandt, Gesellschaitslehre.