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Die Gruppe.
Gruppe ($ 19,2), in der sich die Gemeinschafts- und Gruppenangelegen-
heiten noch in verhältnismäßig breiter Ausdehnung behaupten; in er-
höhtem Maße gilt es natürlich für die abstrakt begründete Gruppe, in
der die einzelnen Mitglieder typischerweise ihren persönlichen Zwecken
nachgehen und sich nur ausnahmsweise als Gruppe betätigen. Aber auch
wenn wir uns auf das Eigenleben der Gruppe selbst beschränken, auch
wenn sich die Gruppe als Ganzes betätigt, wenn sie z. B. einem Ziele
nachgeht oder zu einer Anschauung sich bekennt, so ist sie im allgemeinen
dabei keineswegs als eine kompakte, geschlossene Einheit tätig: man
darf sie sich nich t gleichsam als eine Person im großen vor-
stellen. Diejenigen Vorgänge, bei denen diese Auffassung einigermaßen
zutrifft, sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Dahin gehört z. B.
der Fall eines von einem Begeisterungstaumel erfaßten Theaterpubli-
kums oder einer von einer einmütigen Entrüstung beseelten Massen-
versammlung. Hier verhält sich die Gruppe in der Tat nach außen ganz
wie eine absolute Einheit, und auch nach innen tritt das Bewußtsein der
sinzelnen Persönlichkeit sehr in den Hintergrund. Wer sich aber nach
diesem Beispiel sein Bild von der Einheit der Gruppe gestalten wollte,
würde übersehen, daß eine derartige geschlossene Einheit nur einen sel-
ten auftretenden Grenzfall bildet auch da, wo es sich um die eigenen An-
velegenheiten der Gruppe handelt. Man spricht hier wohl von einem Ge-
samtwillen oder überhaupt einem Gesamtbewußtsein. Aber dieser Name
erweckt leicht falsche Vorstellungen. Tatsächlich bedeutet ein Gesamt-
bewußtsein im allgemeinen nicht ein Zusammenklingen aller Gruppen-
zenossen in einem einheitlichen Akte. Ferner bringen es die Betätigungen
des Gemeinschaftsbewußtseins unter sich nicht zu einem solchen Grade
von Einigkeit und Zusammenhang wie die Angelegenheiten des persön-
lichen Lebens oder diejenigen Bezirke des Gemeinschaftsinteresses, die
von beauftragten Einzelpersonen verwaltet werden. Das Prädikat der
Persönlichkeit im Sinne eben jener Einheit und Geschlossenheit kann
demgemäß der Gruppe und ihren seelischen Äußerungen nicht beigelegt
werden. Höchstens könnte man es mit Wundt dem Staate zuerkennen;
doch auch hier würde der Gehalt an Einheit und Geschlossenheit weit
hinter demjenigen der individuellen Persönlichkeit zurückstehen, ganz
abgesehen davon, daß die hinter dem Staate stehende Gruppe in ihrem
inneren Aufbau des einheitlichen Zusammenklingens durchaus ermangelt
angesichts ihrer Zerspaltung in Stände oder Klassen und Parteien.
Selbst in einfachen Verhältnissen, die diese Zerklüftung nicht kennen,
also auf der Stufe des genossenschaftlichen Gemeinwesens, kann man
einen Stamm oder eine Ortsgruppe weder nach seiner inneren Beschaffen-
keit noch nach seinem äußeren Verhalten als eine kompakte Einheit auf-
fassen. Abgesehen von den sonstigen individuellen Verschiedenheiten