364
Die Gruppe.
wie Zauberei, Verrat und Feigheit im Kriege durch Tötung bestraft.
Wird hier aus klarer Finsicht in die Größe der Gefahr gehandelt? In
Wirklichkeit ist das Verhalten in erster Linie emotional begründet. Die
Feigheit erweckt unmittelbaren Abscheu, auch ohne Bewußtsein ihrer
gefährlichen Folgen. Ein lehrreiches Beispiel bildet auch das Verhalten
der Männerbünde bei den Naturvölkern gegenüber den Frauen, die den
Verboten zuwider in ihr Geheimnis, wenn auch nur zufällig, eingedrun-
zen sind: sie werden auf der Stelle getötet. Die Stärke der Reaktion er-
zibt sich hier aus der starken Erregung. Diese aber wird hervorgerufen
Jurch den Ungehorsam, weil ein Machtwille überhaupt gegen jeden Un-
zehorsam empfindlich ist. Diese Empfindlichkeit beruht aber nicht auf
klarer Einsicht, sondern stellt einen ursprünglichen Zusammenhang
zwischen Reiz und Reaktion dar: es gehört eben wesentlich zu den ur-
sprünglichen Anlagen der Menschheit, daß auch auf schwache Symptome
als wichtig empfundener Tatsachen stark reagiert wird. Auch die vielen
Reformbewegungen unserer Zeit sind ähnlich zu verstehen. Man denke
an die Reaktionen, die in den legten Jahrzehnten überall gegen die Ge-
fahren des Materialismus und Kapitalismus, die Bedrohung des Familien-
jinnes und des Naturverkehres und andre Gefahren erfolgt sind. Die
Tegenbewegungen sind überall eingetreten, längst ehe eine klare Ein-
sicht in die Größe der Gefahren entsprechend verbreitet war. Sie sind
also nicht als Früchte vollendet klarer Wertüberzeugungen, sondern nur
als Ausfluß eines instinktiven Verhaltens zu verstehen. Die allgemeine
Sensibilität z. B. gegenüber dem Wachsen der Kriminalität erklärt sich
;o aus der Empfindlichkeit gegen Bedrohungen des Eigentums und Le-
bens, die Bereitwilligkeit. zur Bekämpfung der Verwahrlosung der Ju-
zendlichen vielleicht zum Teil ähnlich aus der besonderen Stärke des
Pflegetriebes gerade der Jugend gegenüber.
Weniger klar liegen die Verhältnisse bei der Empfindlichkeit der modernen
öffentlichen Meinung gegen den Geburtenrückgang. Ohne weiteres verständlich wäre
sine solche Empfindlichkeit bei Menschen, die in den kleinen Dimensionen des Stam-
mes, der Sippe oder der Lokalgruppe leben. Hier, wo die gesamte Bevölkerung nach
Zehnern oder Hunderten zählt, bedeutet jede Geburt einen anschaulich einleuchtenden
Zusag von Kraft kriegerischer oder wirtschaftlicher Art. Schwer zu erklären aber
wäre, daß diese Empfindlichkeit in unseren verwickelten Verhältnissen bestehen geblie-
ben ist, wo die Anschaulichkeit des Kausalzusammenhanges verloren gegangen ist, der
‚egßtere sich vielmehr nur auf dem Wege der Statistik erfassen läßt. Freilich könnte
man hiergegen einwenden: faktisch ist von abstrakter Natur nur der Geburtenrück-
zang als Ganzes, als eine statistische Tatsache; anschaulich dagegen ist die geringe
Kopfzahl der Familie; sie ist überall in der Anschauung gegeben. Die Erregung, die
der Geburtenrückgang hervorruft, wäre danach ursprünglich begründet in einer Reihe
einzelner konkreter Eindrücke, und das statistische Phänomen bezöge seine emotionale
Kraft erst vermöge einer Übertragung aus diesen anschaulichen Quellen,