Full text: Gesellschaftslehre

Der Lebensdrang der Gruppe. 
367 
weit der nationale Lebenswille stärker denn der individuelle. Allgemein 
kann man ferner auch im modernen Leben sagen, daß der nationale 
Machtwille die stärkste Realität ist, die es überhaupt gibt. 
Der in Rede stehende Sag gilt, aber nicht nur für den Handelnden, 
sondern auch für den Zuschauer. Auch dessen Interesse ist mehr 
der Gruppe als dem Individuum zugewandt. Bei einem Kriege nimmt 
er an den Siegen mehr Anteil als an ihren Opfern. Ähnlich bei einer 
technischen Leistung, einer wissenschaftlichen Expedition usw. In der 
populären Beurteilung des wirtschaftlichen Lebens gewahren wir das- 
selbe: daß ein Volk als solches reich ist, ist für die durchschnittliche Mei- 
nung viel‘ Wichtiger als die Frage, wie dieser Reichtum verteilt und was 
durch ihn geschaffen wird. Dem entspricht die durchgängige Auffassung 
des Klassenwesens. Typisch für sie ist das bekannte Wort Treitschkes, 
daß die Werke des Phidias nicht zu hoch bezahlt sind mit den Leiden 
von Millionen von Sklaven: die kulturelle Leistung, die hier gleichsam 
auf Rechnung des ganzen Volkes gesegößt wird, findet mehr Teilnahme als 
die Schicksale einzelner Individuen. Ähnlich erregt das bloße Dasein 
von Kunstwerken, Theatern usw. eine allgemeine Befriedigung, ohne 
daß man danach fragt, wer diese Schägße genießt. Bei dem Gegensat 
zwischen dem engeren und dem weiteren Ich erweist sich so das letztere 
als siegreich. DerkollektiveLebensdrangsiegtüberden 
individuellen bis zu dem Grenzfall des Todes: im „Heldentod‘“ 
vergißt der Sterbende sein Ich und geht im Ganzen auf. Und allgemein 
gilt etwas Entsprechendes für das Verhalten gegenüber dem Tode. Die 
starke Todesfurcht, die der moderne Mensch zeigt, ist anscheinend nichts 
allgemein Menschliches, sondern eine Folge seines besonderen Individua- 
lismus: der Mensch, der in seiner Familie oder Sippe oder seinem Stamm 
weiterlebt, wird durch den Schwung der Gruppenunsterblichkeit über das 
eigne Verlöschen hinweggetragen. Er geht lebenssatt, willig dem Tode 
entgegen. Erst wo wie bei uns der Drang, in der Familie weiter zu leben, 
erlischt und der Schwerpunkt alles Daseins in das Individuum verlegt 
wird, erst da scheut dieses den Tod. Es hat daher eine tiefe Bedeutung, 
daß die Grup p e in idealtypischer Reinheit betrachtet unsterblich 
ist: indem der Einzelne durch die Ausweitung seines Ichs daran teil- 
nimmt, bekommt sein Leben einen viel reicheren Gehalt, als es bei 
dem modernen Individualismus möglich ist: durch Teilnahme an dieser 
Unsterblichkeit wird er innerlich über die Begrenztheit seiner Existenz 
hinweggehoben. Georg Simmel hat einmal feinsinnig ausgeführt, wie 
unser ganzes Leben durch die Tatsache des Todes in seinem Wesen ge- 
färbt ist. In entsprechender Weise könnte man aber auch von einer 
eigentümlichen Färbung des menschlichen Lebens durch die Ursterblich-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.