Der Lebensdrang der Gruppe.
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weit der nationale Lebenswille stärker denn der individuelle. Allgemein
kann man ferner auch im modernen Leben sagen, daß der nationale
Machtwille die stärkste Realität ist, die es überhaupt gibt.
Der in Rede stehende Sag gilt, aber nicht nur für den Handelnden,
sondern auch für den Zuschauer. Auch dessen Interesse ist mehr
der Gruppe als dem Individuum zugewandt. Bei einem Kriege nimmt
er an den Siegen mehr Anteil als an ihren Opfern. Ähnlich bei einer
technischen Leistung, einer wissenschaftlichen Expedition usw. In der
populären Beurteilung des wirtschaftlichen Lebens gewahren wir das-
selbe: daß ein Volk als solches reich ist, ist für die durchschnittliche Mei-
nung viel‘ Wichtiger als die Frage, wie dieser Reichtum verteilt und was
durch ihn geschaffen wird. Dem entspricht die durchgängige Auffassung
des Klassenwesens. Typisch für sie ist das bekannte Wort Treitschkes,
daß die Werke des Phidias nicht zu hoch bezahlt sind mit den Leiden
von Millionen von Sklaven: die kulturelle Leistung, die hier gleichsam
auf Rechnung des ganzen Volkes gesegößt wird, findet mehr Teilnahme als
die Schicksale einzelner Individuen. Ähnlich erregt das bloße Dasein
von Kunstwerken, Theatern usw. eine allgemeine Befriedigung, ohne
daß man danach fragt, wer diese Schägße genießt. Bei dem Gegensat
zwischen dem engeren und dem weiteren Ich erweist sich so das letztere
als siegreich. DerkollektiveLebensdrangsiegtüberden
individuellen bis zu dem Grenzfall des Todes: im „Heldentod‘“
vergißt der Sterbende sein Ich und geht im Ganzen auf. Und allgemein
gilt etwas Entsprechendes für das Verhalten gegenüber dem Tode. Die
starke Todesfurcht, die der moderne Mensch zeigt, ist anscheinend nichts
allgemein Menschliches, sondern eine Folge seines besonderen Individua-
lismus: der Mensch, der in seiner Familie oder Sippe oder seinem Stamm
weiterlebt, wird durch den Schwung der Gruppenunsterblichkeit über das
eigne Verlöschen hinweggetragen. Er geht lebenssatt, willig dem Tode
entgegen. Erst wo wie bei uns der Drang, in der Familie weiter zu leben,
erlischt und der Schwerpunkt alles Daseins in das Individuum verlegt
wird, erst da scheut dieses den Tod. Es hat daher eine tiefe Bedeutung,
daß die Grup p e in idealtypischer Reinheit betrachtet unsterblich
ist: indem der Einzelne durch die Ausweitung seines Ichs daran teil-
nimmt, bekommt sein Leben einen viel reicheren Gehalt, als es bei
dem modernen Individualismus möglich ist: durch Teilnahme an dieser
Unsterblichkeit wird er innerlich über die Begrenztheit seiner Existenz
hinweggehoben. Georg Simmel hat einmal feinsinnig ausgeführt, wie
unser ganzes Leben durch die Tatsache des Todes in seinem Wesen ge-
färbt ist. In entsprechender Weise könnte man aber auch von einer
eigentümlichen Färbung des menschlichen Lebens durch die Ursterblich-