Full text : Gesellschaftslehre

458 Die „wichtigsten historischen Formen der Gruppe.
Rationalismus und wird zum Träger der liberalen Tendenzen, wobei man
überall zwischen geistigen und wirtschaftlichen Grundlagen dieser Richtung
 unterscheiden kann, von denen die einen mehr von der Intelligenz
und daneben dem Beamtentum, die anderen von den erwerbstätigen
Kreisen vertreten werden.

2. Seit dem neunzehnten Jahrhundert sind, wie schon bemerkt, die
Stände durch Klassen in der modernen westeuropäischen Kultur erset.
 Eine weitgehende Mischung zwischen den Ständen hat deren
äußere Schranken niedergerissen und in Verbindung mit anderen Ein-Aüssen
 ihre Einheitlichkeit und ihren inneren Zusammenhang zerstört.
Die an ihre Stelle getretenen Klassen sind Mengen von Menschen, die in
erster Linie durch wirtschaftliche Interessen, also durch
den Nuben, zusammengehalten werden, während eine einheitliche kulturelle
 Sonderart ihnen nicht zukommt. Sie haben keinen Gruppencharakter,
 sondern sind bloße Aggregate. Völlig trifft das freilich nur da zu.
wo sich das Wesen einer Klasse in idealer Reinheit entfaltet hat. Tatsächlich
 ist das nirgend der Fall. Am meisten gilt es wohl vom Bürgertum,
das wegen seiner Mischung aus ungleichartigen Bestandteilen von vornherein
 am ungünstigsten gestellt war. Vom Bauerntum gilt es, soweit
es durch städtische Einflüsse zersegt ist; beim Adel hat wohl die Mischung
mit dem Besigadel am meisten zerstörend gewirkt. Am meisten Stand
geblieben (oder geworden) ist freilich in einem besonderen Sinne der sogenannte
 vierte Stand, der Arbeiterstand, der überhaupt erst wesentlich
 im neunzehnten Jahrhundert entstanden ist. Jedenfalls bildet er
weit mehr als eine bloße Interessengemeinschaft. Auf die gegenseitige
Hilfsbereitschaft im täglichen Leben, auf das enge Zusammensein in den
Fabriken wurde schon vorhin ($ 29, und 41,,) hingewiesen. Was seine
Angehörigen geistig verbindet, ist weniger eine eigene Kultur als eine
Kulturlosigkeit und damit zusammenhängend eine erbitterte Kampfstellung
 gegen die bürgerliche Welt, die aber nicht bloß wirtschaftlichen und
politischen Charakter hat, sondern eine geistige Grundlage besigt. Der
vierte Stand kehrt sich grundsäglich ab von der bürgerlichen Kultur und
verneint deren Wert, wiederum nicht nur in wirtschaftlicher und politischer,
 sondern auch in geistiger Hinsicht. Der enge Zusammenschluß in
seinen Reihen ist vor allem derjenige der Kampfgemeinschaft, daneben
auch, wie schon früher erwähnt, derjenige der wirtschaftlichen Unterstükungsgemeinschaft
 der Schwachen sowohl in persönlicher wie in politischer
 Hinsicht.

3. Noch einen Blick auf die modernen politischen Parteien.
um auf den Zusammenhang ihrer soziologischen Anschauungen mit den
            
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