Full text: Gesellschaftslehre

Stände, Klassen und politische Parteien. 
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aber fast gar nicht Wert- und Überlieferungsgemeinschaft. Sie ist, 
möchte man fast sagen, eine Gemeinschaft von Atomen. Der Verlauf der 
Revolution hat dieser Auffassung durchaus recht gegeben: er hat bei den 
Arbeitern einen starken Mangel an staatlichem Gemeinschaftssinn gezeigt 
und damit kundgetan, daß die Vorbedingung für eine sozialistische Ge- 
sellschaftsordnung eine viel stärkere Entwicklung des Gemeinschafts- 
sinnes im wirtschaftlich-beruflichen Leben ist, als sie heute bereits er- 
reicht ist. 
43. Die kulturelle Gruppe: Volk, Stamm und Nation. 
L. Die kulturelle Einheit in der Gesellschaft tritt in zweierlei Form 
auf, auf tieferen Stufen als Stamm, auf höheren Stufen als Nation. 
Das Wesentliche eines Stammes besteht darin, daß er in Sprache und 
Sitte, Schmuck und Kunst, Waffen und Geräten und so fort die gleiche 
Kultur besigt. Unter diesem Gesichtspunkt grenzt schon der Forschungs- 
reisende unwillkürlich einen Stamm gegen den anderen ab. Ein Stamm 
kann aus einer einzigen Lokalgruppe oder Siedlung bestehen, meist wird 
er sich jedoch aus einer größeren Anzahl zusammensegen. Der Verkehr 
der einzelnen Personen macht im allgemeinen dabei nicht halt an der 
Grenze der Siedlung oder Lokalgruppe, sondern geht darüber hinaus. In 
der Regel treffen sich die Angehörigen der verschiedenen Untereinheiten 
mehr oder weniger regelmäßig bei gewissen Festlichkeiten. Variationen 
der Kultur sind daher innerhalb des Stammes in der Hauptsache aus- 
geschlossen. — Es zählt der Stamm auf tieferen Stufen, d. h. bei den 
meisten Naturvölkern, nach Hunderten oder Tausenden. Es handelt sich 
hier also um kleine Verhältnisse, bei denen die Einzelnen durchweg 
durch persönliche Beziehungen mit einander verbunden sind. Die Ge- 
meinschaft hat demgemäß den Charakter einer persönlichen Gruppen- 
gemeinschaft ($ 19,,): das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, schon 
objektiv begründet in der Gleichartigkeit der Lebensführung und deren 
gemeinsamer Verschiedenheit von anderen Stämmen, hat zugleich eine 
persönliche Grundlage. Bei größerer Kopfzahl (man denke z. B. an In- 
dien oder China oder unser Mittelalter) tritt die persönliche Beziehung 
zurück, aber es bleibt die Möglichkeit zu ihr bestehen: wo sich zwei be- 
gegnen, da fühlen sie sich als Stammesgenossen. Es besteht hier der 
Typus der abstrakten Gruppengemeinschaft ($ 19,3). 
Mehrere Stämme können miteinander kulturell verwandt 
sein; sie können z. B. eine Sprache mit verschiedenen Dialekten sprechen. 
Man wird in diesem Fall mit einer Erweiterung der Wortbedeutung 
sagen können, daß ihre Kulturen überhaupt nur Verschiedenheiten vom
	        
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