Full text: Gesellschaftslehre

58 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
zusammenzukriechen; obwohl in der Wirklichkeit namentlich unter be- 
sonderen Verhältnissen beide Tendenzen sich vereinigen können. Die 
natürlichen Ausdruckshaltungen der Unterordnung und des Selbstgefühles 
weisen in der Tat in die Richtung der uns hier beschäftigenden Tatsachen. 
Übrigens bringt auch schon das bloß vitale Selbstgefühl oder sein Mangel 
eine Tendenz zur einen und anderen Haltung mit sich. Gleichsam als 
eine Weiterbildung dieser Dispositionen erscheint die Neigung, sich vor 
einem verehrten Wesen wirklich niederzuwerfen und vor einem unter- 
legenen Wesen umgekehrt seine Stellung wirklich zu erhöhen. Die weit- 
verbreiteten Sitten, die den Unterlegenen sich beugen und niederwerfen, 
den Führenden oder Herrschenden umgekehrt eine erhöhte Stellung ein- 
nehmen lassen, sind schwer zu erklären ohne die Annahme einer ent- 
sprechenden Disposition auf beiden Seiten. Daß Sitten häufig als Weiter- 
bildungen ursprünglicher Ausdruckshaltungen aufzufassen sind, hat 
schon Herbert Spencer wahrscheinlich gemacht, der dabei auch die hier 
untersuchten Tatsachen zum Teil im gleichen Sinne behandelt hat*). 
Zur Festigung und Weiterbildung der in Rede stehenden Tendenzen können 
übrigens auch die Erlebnisse der Kindheit beitragen. In diesem Lebensalter blickt 
der Unterlegene ja fortgesegt zu dem Überlegenen in die Höhe. Ebenso ist das Hin- 
fallen ein Zeichen der Schwäche, das Steigen- und Kletternkönnen ein Zeichen der 
Stärke in diesem Alter. Weiter mag man an die Lage beim Ringen bei Kindern 
wie auch bei Erwachsenen denken. 
9, Die Leichtigkeit und Stärke, mit der unser Trieb erregt wird, ist, 
wie bei allen angeborenen Anlagen, bei verschiedenen Individuen sehr 
verschieden. Hier sei nur auf einen Punkt hingewiesen: jede Art von 
Schwächegefühl oder Minderwertigkeitsbewußtsein, sei es er- 
worbener oder sei es angeborener Art, begünstigt seine Betätigung. Im 
besonderen ist dabei zu denken an die große Menge psychopathisch ver- 
anlagter Individuen. Aus dem täglichen Leben kennen wir unter den 
Kindern wie den Erwachsenen jenen Typus, der sich durch Liebedienerei 
und übertriebenen Eifer, bei denen wir den Eindruck einer gewissen Un- 
echtheit nicht los werden, unliebsam bemerklich macht. Pedantisch ängst- 
liche Genauigkeit in der Befolgung von Vorschriften und Sitten, ein 
übermäßiges Betonen der Pflicht und ihrer Bedeutung können dieselbe 
Quelle haben. Ebenso ist, namentlich nach den neueren psychopatho- 
logischen Untersuchungen, an einem häufigen Zusammenhang zwischen 
Schwäche und Idealismus nicht zu zweifeln: der Schwache, der sich in der 
Welt der Menschen nicht behaupten kann, flüchtet in eine geistige Welt 
und seßt nun seinen ganzen Wert in die Unterwerfung unter ihre Nor- 
men und Werte. 
„ E. Spencer, Sociologie, IV. Teil (Die Herrschaft des Zeremoniells).
	        
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