Full text: Gesellschaftslehre

Der Unterordnungstrieb. 
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wiegend „kollegial“, d. h. als gleichstehend. Man muß daraus schließen, 
daß nach ihren Wertmaßstäben der Mensch keine Überlegenheit ihnen 
gegenüber besigt, so wenig wie ein Europäer primitiven Menschen gegen- 
über dauernd eine solche behaupten kann. 
Falls die Angaben zutreffen, nach denen allgemein jung eingefangene Raubtiere 
dem Menschen eine ähnliche Unterordnung wie der Hund entgegenbringen, so würden 
sie von einer überraschenden seelischen Entwicklungsfähigkeit dieser Tiere 
zeugen. Denn viele Raubtiere zeigen im natürlichen Zustande nur während einer 
kurzen Jugendzeit ein geselliges Verhalten, das überhaupt Anlaß zur Entfaltung dieses 
Triebes böte. Vor allem erscheint aber nicht nur die Intensität des Triebes gestei- 
gert, sondern auch seine Qualität außerordentlich veredelt. Dasselbe gilt auch vom 
zahmen Hund, wenn man ihn mit seinen wilden Vorfahren vergleicht. Die blinde, 
man möchte sagen leidenschaftliche Verehrung seinem Herrn gegenüber ist etwas 
völlig Neues. Man muß geradezu von einer schöpferischen Entwicklung 
sprechen. die sich in diesen Tieren im Zustand der Zähmung vollzogen hat. 
11. Der Unterordnungstrieb wird von Mc Dougall und anderen auch 
als negative Form des Selbstgefühles bezeichnet. Gleichzeitig bezeich- 
net der erstere in Übereinstimmung mit andern Autoren wie James auch 
das Schamgefühl als eine negative Form des Selbstgefühls und 
stellt so beide als eng zu einander gehörig unmittelbar nebeneinander. 
Tatsächlich wird jedoch hierbei eine einschneidende Verschiedenheit 
durch die Gleichheit der Bezeichnung verschleiert. Es ist ebenso, wie 
wenn man sagen wollte: wer sich einem andern unterordnet, fühlt sich 
als „minderwertig“ ihm gegenüber. Tatsächlich gähnt auch im legteren 
Fall eine Kluft zwischen dem „minderen Wert“, den der Geführte dem 
Führenden gegenüber in einem gewissen Sinne in sich spürt, und der- 
jenigen „Minderwertigkeit‘“, die den Affekt der Verachtung hervorruft 
($ 8,3). — Die Unterordnung ist ein gesunder, normaler und beglücken- 
der Zustand, bei dem durch die Situation die Ersegung des Selbstgefühls 
durch die entgegengesegte Haltung gefordert wird. Das Schamgefühl 
dagegen bedeutet einen abnormen, mit schweren Hemmungen verbunde- 
nen Zustand, bei dem das Verlangen nach Achtung und Anerkennung in 
einer spezifischen Weise verlegt wird. ; 
Das Schamgefühl regt sich, wie wir sahen ($ 4,3) da, wo sich sein 
Träger einer Normenverlegung schuldig gemacht hat, die eine Minder- 
wertigkeit seines Verhaltens oder seiner Person bedeutet. Wohl zu un- 
terscheiden von diesem Schamgefühl ist der Zustand der Verle gen- 
heit, der aus einer vergleichbaren, aber doch abweichenden Situation 
hervorgeht. Auch hier liegt nämlich eine Normenverlegung zugrunde, 
aber eine solche, die dem Träger nicht den Stempel der Minderwertigkeit 
aufprägt. Dieser Typus der Verlegenheit tritt auf, wenn wir bei einer 
Unschicklichkeit oder bei anderen offiziell verpönten Handlungen, wie 
etwa einer Lüge, ertappt werden. Voraussekung ist dabei immer. daß
	        
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