Object: Wissenschaftliches Arbeiten

2 Die Beurteilung der Quellen 
möchte beinahe wünschen, daß alle alten Klassiker jetzt durch ein 
ähnliches Verbot geschützt würden“ (Encyklopädie? 187). 
An warnenden Beispielen zu großer Kühnheit der Kritik aus in- 
neren Gründen fehlt es nicht auf den verschiedenen Gebieten. Es 
möge genügen, an Scherers glänzende Kritik über den Monolog: „Habe 
nun, ach! Juristerei...“ in Goethes Faust zu erinnern. Mit bewun- 
dernswertem Scharfsinn und exakter Meihode wies er nach, daß dieser 
Monolog in drei verschiedenen Zeitperioden abgefaßt sei. Sein melho- 
disch einwandfreier Beweis wurde aber durch die Auffindung der Ab- 
schrift Frl. von Goetenhausens ebenso einwandfrei widerlegt (0. Kataun). 
64. Textgestaltung. Das Ergebnis der textkritischen 
Bearbeitung der Quelle wird schließlich die Herstellung und 
Gestaltung der ältesten erreichbaren Textform sein. Man 
pflegt diese Herstellung des Originaltextes als Rezension 
desselben zu bezeichnen. Sie bildet die Grundlage der 
Edition oder Ausgabe des Textes für weitere Kreise. 
Soweit dabei die Veröffentlichung selbst in Frage kommt, 
werden wir uns später damit zu beschäftigen haben. Zum 
Abschluß der Erörterung der textkritischen Bearbeitung des 
Textes müssen aber schon hier einige Bemerkungen über 
die Weise der Textgestaltung Platz finden. Da dieselben 
Gesichtspunkte auch für die einfache Zitationsweise, wo es 
sich um wörtliche Anführung von Texten handelt, Geltung 
haben, dienen diese Bemerkungen zugleich schon als Vor- 
bereitung für die Besprechung dieses höchst praktischen 
Teiles der wissenschaftlichen Arbeit‘). 
1. Das Ziel der kritischen Textgestaltung ist die Her- 
stellung des „idealen Originaltextes“ d.h. des Textes, „so- 
wie er nach der Intention des Autors hat geraten sollen, 
ohne Schreib- und Druckfehler, mit Einsetzung mangeln- 
der und Besserung mißratener Interpunktion“?). Freilich 
muß auch bei diesen geringfügigen Abweichungen vom 
realen Originaltext „der gewissenhafte und methodisch ge- 
schulte Herausgeber über jeden subjektiven Eingriff durch 
Noten unter dem Text oder allgemeine Bemerkungen in 
der Einleitung Rechenschaft geben und den Leser in den 
*) Vgl. Kap. 29, 
?) E. Bernheim, Lehrbuch® 450. 
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