Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 
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Produktion und Konsumtion im allgemeinen zusammenfielen, 
und daß sie doch nicht viel mehr als etwa ein starkes Drittel 
des deutschen und etwa vier Fünftel des protestantischen Bodens 
ausmachten. 
Und sehr deutlich drängt sich daneben noch eine andere 
Beobachtung auf: innerhalb dieses Gebietes sind die größeren 
und mittleren Städte Trägerinnen der Bewegung. Das ist 
in der Tat das Entscheidende: auf dem einmal gegebenen 
Boden hat das Bürgertum vor allem die neue Bildung ge— 
pflegt: wirtschaftlicher Fortschritt und Aufnahme neuer Bildung 
fallen, sozial betrachtet, zusammen. Und diese Erscheinung ist 
in der Tat bis zu dem Grade sicher, daß die wirtschaftliche 
und soziale Haltung des Bürgertums sich in tausend sekundären 
Eigenschaften der neuen Bildung widerspiegelt, ja daß man 
sagen darf, eben der dem Bürgertum des 18. Jahrhunderts 
eigene Geist des Fortschritts noch ohne allzustarkes Hasten, das 
kestina lente der Städte, die Erscheinung noch reichlicher 
Mußestunden zu froher Aufnahme geistiger Kost habe dem Auf— 
schwunge der Bildung als gesellschaftliche Grundlage gedient. 
Von diesem Bürgertume kam aber für den eigentlichen 
Übergang zur neuen Zeit nicht mehr so sehr die alte Aristokratie, 
die ihre Entwicklungshöhe etwa mit den dreißiger Jahren des 
18. Jahrhunderts erreicht hatte, als der spätere Mittelstand 
in Betracht. Schon der Charakter des Unterrichts in beiden 
Klassen zeigt es; der der Aristokratie ist immer stark inter— 
national gewesen, und neben den fremden Sprachen kamen 
hier ästhetisch-gesellschaftliche Momente, Ballwerfen, Tanzen, 
Fechten, Reiten, daneben auch einige Unterweisung in den 
bildenden Künsten, Zeichnen, Malen, Kupferstechen in Betracht; 
der Unterricht des Mittelstandes dagegen blieb stets national, 
und über die Elementarkenntnisse hinaus erstreckte er sich in 
die Kenntnisse und später die Humanitätsethik der Mittel— 
schule. Auch die Tatsache, daß, erst mit dem Emporkommen 
dieses Standes, seit Mitte des 18. Jahrhunderts, die Literatur 
teilweise eine spezifisch bürgerliche Färbung annimmt, weist in 
derselben Richtung: Lessings Miß Sara Sampson (1758) war
	        
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