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wie (lie Menscliheit selbst. Diese Behauptung geht meist von
(lenen aus, welche den rationelleren Socialismus der Gegenwart
%u entmuthigen wünschen und nicht als theoretische Gegner
der Irrthümor, sondern als Feinde der socialen Bestrebungen
auftreton. Es liegt im Interesse dieses letzteren Standpunkts,
den eigentlichen Socialismus so erscheinen zu lassen, als wenn
er in der Geschichte schon oft und zwar stets vergebens eine
Rolle gespielt hätte. Zu diesem Behuf muss der gewaltige
Unterschied, welcher historisch zwischen dem eigentlichen
Socialismus der neusten Zeit und den Regungen anderer Epochen
besteht, zur Seite gelassen werden. Man muss auf das ganz
Gewöhnliche und fast allen Völkerentwicklungen Gemeinsame
ziirttckgreifen, um die Eigcnthümlichkeiten der Erscheinungen
Unserer Zeit mit oberflächlichen Allgemeinheiten zu verdecken.
Allerdings hat es in den verschiedensten Völkerentwicklungen
nicht an Parteigestaltungen gefehlt, die ihren Grund zum
Thoil in den gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Verhält
nissen der Stände und Classen hatten. Mehr oder minder
unbewusst sind derartige Positionsverschiedenheiten die treiben
den Ursachen der Innern politischen Kämpfe gewesen. Ja
man muss behaupten, dass ein gehöriges Verständniss der
Völkergeschichten erst dadurch vervollständigt wird, dass man
den Gesetzen, welche die socialen Beziehungen ganz im Allge
meinen beherrschen müssen, die erforderliche Aufmerksamkeit
widmet. Allein dieselbe Bemerkung, die wir in Rücksicht auf
die Vergangenheit der gewöhnlichen Volkswirthschaftslehre zu
machen hatten, kann auch für die Theorie des Socialismus
gelten. Diese Theorie ist noch jünger, als diejenige der
Nationalökonomie, und will ebenfalls von den praktischen That-
sachen unterschieden sein. Der Socialismus, ein völlig modernes
Wort, bezeichnet vorherrschend einen Kreis^ von Ideen und
Sätzen, und wie man zwischen Wirthschaft und Wirthschafts-
lehro unterscheidet, so darf man auch die Geschichte der
socialen Gestaltungen nicht mit derjenigen der Socialtheorie
Unkritisch vermischen.
Die Geschichte der Gesellschaftsformen ist aber überdies
noch ein sehr weites Feld, welches in seiner ganzen Ausdeh
nung gar nicht in Frage kommen kann, solange man die Ver
bindung mit der Nationalökonomie und den materiellen Bezie
hungen im Auge behält. So kann z. B. die jedesmalige Grund-