vom Willen der Unternehmer abhängig, sondern das stärkere
Selbstbewusstsein der amerikanischen Arbeiter erzwingt sich eine
anständigere Behandlung. Einen Umgangston, wie ihn vielfach noch
europäische Arbeiter, wenn auch mit in der Tasche geballter Faust,
so doch mit demütig gesenktem Haupt, über sich ergehen lassen,
würden die amerikanischen Arbeiter sich einfach nicht gefallen
lassen. Wir glauben, dass in dieser Beziehung die Arbeiterklasse
der Alten Welt von ihren amerikanischen Klassengenossen noch
sehr viel lernen kann.
Das stärkere, vom Individuum ausgehende Selbstbewusstsein
der amerikanischen Arbeiter ist sicher einer der Gründe, die der
Entwicklung eines Klassenbewusstseins nach europäischem Muster
entgegenstehen. Dem amerikanischen Arbeiter ist der Gedanke,
einer untergeordneten Klasse anzugehören, so unerträglich, dass er
sich gegen eine solche Erkenntnis aufs heitigste sträubt. Ähnliche
psychologische Erscheinungen weist auch die Geschichte der euro-
päischen Arbeiterbewegung auf, aber sie sind schliesslich unter-
drückt worden von der Wucht der ökonomischen Tatsachen. Auch
in Amerika würde sich das gefühlsmässige Bewusstsein der
Gleichwertigkeit nicht halten können, wenn nicht realere Tatsachen
dahinter ständen. Es lässt sich nicht bestreiten, dass die kapi-
talistische Entwicklung der Wirtschaft in Amerika dem einzelnen
Arbeiter sehr viel grössere Möglichkeiten des Emporsteigens offen-
gelassen hat als in Europa, wo die strenge Klassenscheidung und
die Besitzverteilung schon vollzogen waren, als die kapitalistische
Wirtschaft begann. Die Neue Welt hat zwar auch nicht allen Habe-
nichtsen „unbegrenzte Möglichkeiten“ eröffnet, aber die Zahl der
erfolgreichen Glücksuchenden ist doch gross genug, um immer
noch die Vorstellung wachzuhalten, dass jeder tüchtige Arbeiter,
wenn ihm nur das Glück hold ist, eine höhere und womöglich gar
die höchste Stufe der sozialen Leiter aus eigener Kraft zu erklimmen
vermöge. Man denke an Henry Ford, der mit wenigen hundert
Dollar begann und heute der grösste Industrielle und der Mann mit
dem höchsten Einkommen ist! Er ist vielleicht der König der
Emporsteiger, aber mittlere und kleinere solcher Fords gibt es
allerorten im Lande. Unter den Angehörigen der oberen sozialen
Schichten trifft man erstaunlich viele, deren Arbeitervergangenheit
noch nicht allzu weit zurückliegt. Bei einer Nation, deren Mitglieder
entweder selbst als Goldsucher ins Land gekommen sind oder von
solchen Vorfahren abstammen, müssen derartige Beispiele un-
gemein befruchtend auf den Optimismus für die eigene Zukunft
einwirken.
Auch im öffentlichen Leben wird die Ehrung der Arbeit bewusst
gepflegt. Überall bei den politischen Wahlen hört und liest man die
Kandidaten als Männer anpreisen, die sich aus ganz kleinen Ver-
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