Object: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

70 Zweiter Teil. Landet. III. Zur Geschichte von Landet und Industrie. 
Empfang ein. Wie Ritterbürtige damals Kaufmann wurden, — jener Wimar in 
Laon „war aus Ritterblut geboren" — so konnten Kaufleute auch zu Rittern ge 
schlagen werden. So empfängt im guten Gerhard der Sohn des Alten die Ritter 
weihe. Immerhin war ihm aber doch damit eine besondere Ehre erwiesen: 
„Din sun der ist ein koufman 
Und noch ein harte stolzer kneht 
Der sol dienstmannes reht 
Emphähen unde leiten swert, 
In nterschefte werden wert. 
Der weide höchste werdekeit 
Bejagt ein man, der wäpen treit 
Alsus wil ich dich stiuren 
Und dtne saelde tiuren“. 
Es war also in dieser Zeit noch der Landet durchaus mit der Ritterwürde ver 
einbar, und erst die unfreiwillige Auswanderung vieler alter Geschlechter aus der Stadt, 
das Leraufkommen der reichen Zünftler und ihre Versippung mit der kaufmännischen 
Stadtaristokratte brachten eine Spaltung zwischen dieser und dem nunmehrigen Land 
adel hervor. Eine Ausgleichung der Standesunterschiede darf man jedoch nicht an 
nehmen. Eine Ehe zwischen Ritter und nicht ritterbürtiger Kaufmannstochter blieb 
Mesalliance. — Die ritterliche Lebenshaltung war für den Großkaufmann übrigens 
noch lange ein Muster, auch als der Glanz des Rittertums immer mehr erblaßte. 
Er geizte nach dem Ritterschild, und seine Lausfrau suchte bunte rittermäßige Kleidung 
und Ringe zu tragen. Ritterliche Spuren tragen die kaufmännischen Genossenschaften 
wie die des Artushofes in Danzig noch lange. Es klingt wie das Testament eines 
Ritters, wenn lUmcm Stromer im 14. Jahrhundert lehtwillig bestimmt, daß all' sein 
Larnisch und Waffen, sowie seine Lehngüter — Landgüter sind damals ein regelmäßiger 
Besitz reicher Bürger — den Söhnen anheimfallen sollen, daneben kommt freilich die 
Papierfabrik. 
Es führen uns diese Fragen auf das soziale Ansehen, das der kaufmännische 
Beruf als solcher damals hatte. Im klassischen Altertum hat derselbe eigentlich vor 
wiegend in Mißachtung gestanden: auch der Großhandel der späteren Zeit hat nur 
praküsch, aber nicht theoretisch darin etwas geändert. Dem feudalen System des Mittel 
alters konnte jene Anschauung auch nur entsprechen. Schärfer aber noch wirkte in 
bezug auf die theoretische Beurteilung jene Macht, in der sich das gesantte geistige 
Leben konzentrierte, die Kirche. Praktisch hat die Kirche wie die gesamte materielle 
Kultur so auch den Lande! in richtiger Erkenntnis der Bedürfnisse der Bevölkerung 
außerordentlich gefördert, theoretisch hat sie ihn aufs schärfste verurteilt. In bezug 
auf das weltliche Leben war das kirchliche Ideal ja überhaupt schlechthin negativ: es 
hieß Askese und Weltverneinung; ein Ideal, das sich aber nur in gewissen Zeiten 
stärker in den Gemütern der Menschen festsetzen konnte und festgesetzt hat. So war 
auch schon der Reichtum als solcher, den das klassische Altertum sehr hoch geschäht hatte, 
der Kirche in der Theorie verhaßt. Da kann die Verurteilung des Landels nicht 
wundernehmen. Freilich hatten die wirklichen Verhältnisse schon früh dazu geführt, 
daß sogar die Geistlichen selbst Lande! trieben. And die wiederholten Verbote lassen 
auf Beibehaltung dieser Gewohnheit noch lange schließen. Verboten wurde aber den 
Geistlichen die Betreibung eines kaufmännischen Geschäfts wie die Beteiligung an einem 
solchen fortwährend, so von den Synoden zu Köln 1260, zu Magdeburg 1261 usw. 
Die ganz strengen Beurteiler hätten aber am liebsten den Lande! überhaupt verboten; 
so Duns Scotus, weil derselbe zur Gewinnsucht führe. Thomas von Aquino wünschte 
weitgehendste Einschränkung: nur der Befriedigung notwendigster Lebensbedürfnisse
	        
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