Leider wird heute, auch in sozialistischen Kreisen, mit der
Auswanderungspropaganda ein ziemlich gewissenloses Spiel
getrieben. Selbst dünn besiedelte Länder, die reichlich Arbeits-
gelegenheiten bieten, sind durchaus nicht immer ein absolut
brauchbares Siedlungsland für europäische Arbeiter. In Kanada
z. B., wo weite Strecken fruchtbaren Landes brach liegen, hat
sich, wie auf der Konferenz der kanadischen Premierminister
in Ottawa im November vorigen Jahres hervorgehoben wurde;
die Einwanderungspraxis häufig der Regierungskontrolle ent-
zogen und ist von den wirtschaftlichen Privatinteressen der
Transportgesellschaften dirigiert worden, mit dem Erfolg, daß
zeitweise Überlastung des Arbeitsmarktes eingetreten ist; der
Einwanderungsminister selbst gab auf der genannten Konferenz
zu, daß die Gesellschaften es an der „nötigen Sorgfalt in der
Auswahl. und Unterbringung der Einwanderer haben fehlen
lassen‘. . Das heißt mit anderen Worten, daß auch in den dünn
besiedelten überseeischen Gebieten die privatkapitalistischen
Gesellschaften ein Interesse:daran haben, sich eine industrielle
Reservearmee zu schaffen. Innerhalb des kapitalistischen
Systems ist der auswandernde Arbeiter nicht davor geschützt,
Ausbeutungsobjekt von Agenten und Spekulanten zu werden
und „als Versuchskaninchen zur Erprobung phantastischer
Siedlungsprojekte unreifer Wirtschaftstheoretiker zu dienen“,
wie selbst die „Frankfurter Zeitung“ nach den Erfahrungen in
Kanada befürchtet. Um so unverständlicher, daß Sozialisten
und Gewerkschaftsführer mit Hilfe der Auswanderung in kolo-
niale Gebiete, die Deutschland „zurückerobern‘“ müsse, die
soziale Frage lösen wollen.
Sie bedenken offenbar auch gar nicht, daß sich der auswan-
dernde Arbeiter völlig anderen wirtschaftlichen Bedingungen
gegenüber befindet, als er sie aus der Heimat kennt, und daß er
sich ihnen häufig nicht anzupassen vermag. Auch hier sei wie-
der auf Kanada verwiesen, wo nach den vorliegenden Berichten
auf zahlreichen Farmen verrostete. landwirtschaftliche Ma-
schinen und Geräte gefunden wurden, die Enttäuschte, die den
Mut verloren und ihre Felder im Stich gelassen haben, dort zu-
rückließen. Ungeheuere Summen von Arbeitskraft und Ver-
mögenswerten sind dort auf diese Weise nutzlos vergeudet
worden.
Auch die Siedlungsfrag e ist keineswegs so einfach zu
lösen, wie es häufig in der Agitation dargestellt wird. Die so-
genannten „Genossenschaftssiedlungen“ sind nach. übereinstim-
menden Urteilen aller Sachkenner nur möglich, wenn „die Mit-
glieder der Siedlung durch größtmögliche Primitivität der über-
kommenen Wirtschaftsformen gewohnt sind, keinerlei Ansprüche
auf einen gewissen Standard des Lebens zu erheben“.