16 III. Die Zweige des deutschen Buchhandels.
Das Antiquariat.
Wenn man in wörtlicher Übersetzung seines lateinischen Stammworts
das Antiquariat schlechtweg als einen Handel mit alten
Büchern bezeichnen wollte, so wäre das ein schlimmer Irrtum.
Zwar gibt es viele Buchläden, namentlich in Universitätsstädten, die
sich dem .An- und Verkauf gebrauchter Bücher aller Art widmen;
dieser Büchertrödel hat aber mit dem neuzeitlichen wissenschaftlichen
Antiquariat nichts gemein. Die Wesensart des letzteren ist
die eines Konservators und Vermittlers der literarischen Schätze
aller Zeiten. Wir finden im Antiquariat Druckerzeugnisse, deren
Entstehungszeit in den Jahren 1450 bis 1500 liegt; sie sind als
[nkunabeln oder „Wiegendrucke“ ein besonders geschätzter Handelsartikel
unter all den Kostbarkeiten des Antiquariats. Hier finden
wir auch die edelsten Erzeugnisse der im 17. Jahrhundert ‘hochentwickelten
Druck- und Einbandtechnik und dann weiter die Literatur
bis in die neue Zeit hinein, die aus dem regulären Buchhandel
verschwunden, aber vom Wissenschafter und vom Kteraturkundigen
Sammler gesucht und erworben wird, z. B. die Erstausgaben klassischer
Schriften, gelehrte Literatur u. v. a. m. Auch Handschriften,
Kupferstiche, Lithographien, Exlibris, Autographen sind Handelsobjekte
des Antiquars.
Ein wichtiger Unterschied zwischen dem Geschäftsbetrieb des
Sortiments und des Antiquariats liegt darin, daß dieses die Formen
des Warenhandels hat. Der Antiquar ist nicht an einen vorgeschriebenen
Ladenpreis gebunden, sein geschäftlicher Nutzen wird nicht
durch den Wiederverkäuferrabatt bestimmt. Er berechnet sich den
Verkaufspreis seiner Artikel nach dem Einkaufspreis zuzüglich des
Spesen-. und Gewinnzuschlags, den er selbst bemißt. Er kann 10,
ar kann 100 Prozent und mehr betragen.
Der Einkauf der Lagerbestände geschieht zum Teil in Einzelobjekten,
zum Teil in ganzen Bibliotheken, aus Privatbesitz, aus dem
Nachlaß Gelehrter und Bücherliebhaber, die nach Übereinkommen
oder auf Versteigerungen erworben werden. Auktionen sind auch
beim Verkauf der Lagerbestände oder einzelner Teile Handelsgebrauch
im Antiquariatsbuchhandel, doch sind das wichtigste Propagandamittel
für den Absatz die Kataloge, die vielfach außer den Büchertiteln
Illustrationen und mehr oder minder ausführliche Beschreibungen
enthalten und nicht selten in kostspieliger Ausstattung
erscheinen. Zumeist sind in den Antiquariatskatalogen Literaturgebiete
von gleicher Art zusammengefaßt.
Der Markt des Antiquariats ist durch keine Landesgrenzen eingeengt,
er ist international; das Motto auf dem Katalog einer Antiquariatsfirma
lautet sehr bezeichnend: „Mein Feld ist die Welt.“
Das kommt auch zum Ausdruck in dem internationalen Charakter des