Die Frühromantik.
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ein mystisch schwärmender Deutscher, schaffend und rüstig eigent⸗
lich nur in der Stärke des Gebets. Sein Stoffkreis blieb der
Hauptsache nach begrenzt durch Bibel und christliche Legende,
auf diesem Gebiete aber war er Herr und Meister im Sinne
moderner katholischer Frömmigkeit. So hat seine Kunst eine
Verbreitung gefunden, wie kaum die eines andern Meisters
des 19. Jahrhunderts: wo nur mystisch gewandte Seelen der
verschiedensten christlichen Konfessionen den Herrn anriefen in
ihrer Weise, da trat dieser in der Idealgestalt Overbecks unter sie:
hunderttausende von Oldrucken des gekreuzigten Heilands und
der schmerzensreichen Jungfrau, die die christlichen Kirchen der
Gegenwart bergen, gehen auf Overbecks Bilder oder wenigstens
auf Overbecks Auffassung zurück, und Originalgemälde von ihm
erbauen die Gläubigen in England und in Mexiko, in Lübeck
und in Köln, auf protestantischen wie auf katholischen Altären.
Dabei fehlte es dem Meister nicht an einem reichen Kranze
von Schülern und Nachahmern. In seinem Bannkreis be⸗
wegte sich die Malerei der Deger und Ittenbach und Andreas
und Karl Müller und Pfannschmidt und Plockhorst und Kupel—
wieser; und wie einst, zu Beginn der Romantik, das Nazarener—
tum der overbeckschen Genossenschaft zum ersten Male in einem
Zyklus von Wandmalereien bedeutend hervorgetreten war, so
fand dieselbe Kunst in der Überreife ihrer Erscheinung noch
einmal einen Gesamtausdruck in den 1839 begonnenen Wand—
malereien der St. Apollinariskirche zu Remagen am Rhein:
Deger, Ittenbach und die beiden Müller waren hier in Demut
und Gottesfurcht tätig. Im übrigen aber trug der Einfluß
der neuen Kunst auch schöpferisch noch weit hinweg über den
Rhein und über die deutschen Grenzen; in ihrer Strömung
bewegten sich Hippolyte Flandrin und Ary Scheffer in Paris,
William Dyce und Armitage in London und Paton in Edin—
burg; und auch in Schweden wie in Italien war ihre starke
Wirkung zu spüren.
Groß war indessen auch die Zahl selbständiger Meister, die
unmittelbar neben Overbeck und mehr oder minder in gleicher
Richtung mit ihm schufen, als eine Schule gleichsam, der man