diese Sache vertreten und die wir uns dafür einsetzen, dennoch glauben,
daß wir nicht so ganz von Gott verlassen sind.
Verkehr, meine Herren, ist etwas, was Sie gar nicht mit Händen
greifen können. Wenn Sie den Verkehr, wie das hier ja in mustergültiger
Weise geschehen ist, auf Grund von Verkehrszählungen und
auf Grund von Messungen und Schätzungen hernehmen und aus diesen
Voraussetzungen als Bausteinen ein Haus bauen, so werden Sie in zehn
Jahren sehen, daß diese Voraussetzungen falsch waren. Es gibt nur eine
Wechselwirkung zwischen Verkehr und Verkehrsmittel, die unabhängig
ist vom absoluten Tageswert. Billig wäre es, darauf hinzuweisen, daß
es noch keine 100 Jahre her sind, als man einem ebenso gärenden Zeitalter
des Verkehrs gegenüberstand wie heute, nämlich zur Zeit, als die
Eisenbahn entstand. Kein Mensch, auch nicht einer, hat sich eine Vorstellung
machen können, was die damals neugebauten Eisenbahnlinien
einst leisten könnten und wie sie richtig oder falsch angesetzt worden
sind. Das gegebene Verkehrsmittel hat den Verkehr an sich gerissen, hat
ihn geschaffen und hat ihn zu einem ungeheuerlichen, in der Welt noch
nicht wieder dagewesenen Erfolge geführt.
Wir stehen in einer ähnlichen Gärungsperiode wie unsere Vorväter in
den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts; nur daß es noch viel toller gärt.
Die Eisenbahn hat sich bei uns das Recht eines wohlwollenden Papstes
erworben, der uns unsere Verkehrsbestimmungen ruhig und sicher vorschreibt.
Daneben sind aber zwei neue revolutionäre Dinge entstanden,
das Flugwesen und die Mobilisierung der Postkutsche; beide augenblicklich
in Deutschland in Fesseln liegend. Wo ihre Wege hinführen
werden, meine Herren, möchte ich behaupten, weiß nicht einer von denen,
die hier anwesend sind. Wir können uns allerlei ausdenken für die nächsten
5, auch 10 Jahre, wir bauen aber nicht eine europäische Nord-Süd-Linie
in Gedanken an eine solche Frist. Dieser Gedanke verlangt Jahrzehnte,
vielleicht Jahrhunderte als Basis der ‚Wertung. Hier handelt es
sich nicht um eine augenblickliche straßenbautechnische Leistung, hier
leuchtet eine Idee! Diese Idee ist nicht so sehr jung. Ich habe
vor zwei Jahren mit dem mehrfach erwähnten Herrn Puricelli in
Mailand über die Frage europäischer Straßen gesprochen. Herrn
Puricelli möchte ich Ihnen nicht weiter schildern, ich möchte Ihnen
aber seine besten Eigenschaften nicht verschweigen, nämlich seine absolute
Einfachheit und die Stärke seines Glaubens an seine Idee! Er hat
mir damals schon gesagt: Glauben Sie doch nicht, daß ich mich hier für
das bißchen oberitalienische Seenstraße interessiere. Mich interessiert
das Europanetz; wollen Sie das in Deutschland nicht mitmachen? Damals
gründeten wir gerade die „Studiengesellschaft für Automobilstraßenbau“.
Da waren wir noch nicht stark und frei genug für solche Pläne.
An den Gedanken, es könnte das Flugwesen in ganz kurzer Zeit alle
diese Pläne über den Haufen werfen, glaube ich nicht. Warum nicht.
AR