Aufklärung und Pietismus.
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(1673 1734), der die christliche Seligkeit auch der Juden,
Türken, Heiden lehrte, wenn sie der Welt abstürben.
Im ganzen aber bildeten sich doch nur zwei Richtungen
aus, die sich in der Entwicklung der Mittel zur Befriedigung
frommen Sinnes stärker unterschieden, und die nach den Namen
Speners und Franckes genannt werden können.
Bei Spener und in den Kreisen, die ihm anhingen,
herrschte eigentlich nur das Bedürfnis, sich des alten Heils der
lutherischen Kirche durch stärkere Gemütserregungen in un—
mittelbarer Teilhaberschaft bewußt zu werden. Und als Mittel
zur Erreichung dieses Zieles diente eigentlich nur eine besonders
tändige und innige, bisweilen sogar dringliche und von laut
ich äußernder Inbrunst erfüllte Gebetspraxis; insbesondere
wurde das Bittgebet um alle möglichen Dinge intensiv ge—
pflegt. So war zum Beispiel die Schwäbin Beate Sturm eine
besonders starke Beterin. Sie betete für sich und andere;
tundenlang drang sie auf Gott ein mit „Dreistigkeit“n und
suchte ihn ihrem Willen gefügig zu machen, ihn mit Betteln,
Schreien, Ringen gewissermaßen zu ermüden. Natürlich ver—
band sich mit dem Gebete der feste Glaube, erhört zu werden.
Und darum brachte das Gebet erfahrungsmäßig einen Zustand
besonderer Freudigkeit und Herzensruhe; in vereinzelten Fällen
erwies sich das Gefühl, des Gebetes Gewährung zu erhalten,
als so stark, daß der Betende für diese Gewährung sein Leben
würde zum Pfande gesetzt haben. Dieser Gebetsgewißheit
entsprach dann ein unerschütterlicher Vorsehungsglaube auch für
die kleinen Ereignisse des Lebens. Und natürlich auch ein
ausgesprochener Wunderglaube: doch unter dem Einflusse des
Rationalismus, dessen wissenschaftlichen Ergebnissen die Pietisten
sich keineswegs entgegenzutreten gezwungen sahen, charakte—
ristischerweise weniger ein Glaube an Wunder, durch welche
die Kausalität der äußeren, insbesondere anorganischen Natur
aufgehoben wurde, als an solche, in denen die Lenkung
Ritschl 8, 22 ff.