Il. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 239
die dichtbevölkerten Staaten (Dichte über 50) alle mit Ausnahme Japans dem
Erdteil Europa, die dünnbevölkerten alle außer Rußland den außereuropäischen
Erdteilen angehören. Rußland zeigt sowohl gemäß seines großen Flächenraumes
als auch gemäß seiner geringen Bevölkerungsdichte nicht europäische, sondern
asiatische Wesenszüge.
Veränderung der Bevölkerungsmenge durch natürliche Vermehrung,
War schon, wie wir sahen, der Flächeninhalt eines Staates
eine stark veränderliche Größe, so gilt dies erst recht von der Bevölkerungszahl.
In den meisten Fällen besteht diese Veränderung in
einer Zunahme der Bevölkerung, was schon aus der ständig zunehmenden
Größe der Erdbevölkerung (vgl. S. 218 ff.) hervorgeht. Die Ursache
liegt darin, daß bei den Kulturvölkern im allgemeinen die Zahl
der Geburten größer ist als die der Todesfälle, also ein Geburtenüberschuß
vorhanden ist. Die Gründe hierfür sind zu suchen in
der höheren wirtschaftlichen Entwicklung der Kulturländer, die Existenzbedingungen
für eine viel größere Bevölkerung schuf und auch den
minderbemittelten Klassen eine bessere Lebenshaltung gestattete, ferner
in der Besserung der hygienischen Verhältnisse und in der Entwicklung
der ärztlichen Kunst. Je nachdem diese Ursachen in größerem
oder geringerem Maße wirken, ist die prozentuale Größe des Geburtenüberschusses
verschieden. Freilich ist dieser Satz nicht von ganz
allgemeiner Gültigkeit. So haben z. B, die auf niedrigerer Kulturstufe
stehenden Völker Europas im allgemeinen ein größeres natürliches
Wachstum als die höherstehenden. Vielleicht machen sich darin die
Anzeichen einer bereits wieder alternden Kultur (Verweichlichung,
Verschlechterung der gesundheitlichen Verhältnisse infolge Industrialisierung)
bemerkbar. Die slawischen Staaten stehen mit ihren natürlichen
Wachstumsziffern allen Staaten Europas voran. Andrerseits ist
der Geburtenüberschuß in den hochentwickelten germanischen Staaten
regelmäßig größer als in den romanischen.
In ganz auffallender Weise bleibt der Geburtenüberschuß Frankreichs hinter
allen Ländern, von denen wir entsprechende statistische Nachweise haben,
zurück. Während es im Mittel d& Jahrfünfts 1906 bis 1910 noch einen ganz
geringen. Geburtenüberschuß aufwies, zeigte es im Jahre 1911 sogar einen Überschuß
der Todesfälle. In den letzten Jahren vor dem Kriege hatte es allerdings
wieder einen geringen Geburtenüberschuß aufzuweisen, so auch nach dem
Kriege; wobei aber zu beachten ist, daß stärkerer Geburtenüberschuß unmittelbar
nach einem Kriege bei allen Völkern in Erscheinung tritt. — Der Weltkrieg
mit seinen gewaltigen Blutopfern hat selbstverständlich die natürliche
Vermehrung der beteiligten Staaten stark gehemmt. Im gleichen Sinne wird
die Bevölkerungsbewegung durch Epidemien und Hungersnöte beeinflußt, die
häufig als Begleiterscheinungen der Kriege auftreten, aber auch sonst gelegentlich
vorkommen — man denke an die durch das Ausbleiben des Monsuns
verursachten Hungersnöte in Indien. Solche waren in früheren Zeiten, als noch
nicht ein ausgebildeter Weltverkehr eine leichte Verteilung aller Ernteerzeugnisse
gestattete, auch in Europa viel häufiger als in der Neuzeit. Der Hungersnot,
die infolge der feindlichen Blockade in den Kriegsjahren die Mittelmächte
heimsuchte, fielen allein in Deutschland etwa eine Million Menschenleben zum
Opfer, und die kriegszeitliche Unterernährung großer Teile unseres Volkes
wird auch noch weitere Jahre unsere Bevölkerungsbewegung neben anderen
Ursachen ungünstig beeinflussen.