262
GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
allgemeinen die Romanen und die Südslawen, auch die Polen. Auch
scheint der nationale Ehrgeiz häufig im umgekehrten Verhältnis zur
Kopfzahl der Nation zu stehen, vielleicht, weil in einer kleinen Nation
das Gefühl des Unterdrücktseins, der Vergewaltigung seitens der großen
Nationen besonders leicht entsteht.
Auch zeitlich ändert sich die Heftigkeit und Gefahr innerstaatlicher
Nationalkämpfe. Solange die Hauptnation eines Staates das
Heft fest in den Händen hat, vermag sie alle Sonderbestrebungen der
ihr angegliederten kleiaen
Nationen mit kräftiger
Hand niederzuhalten.
Wenn aber ihre
Kräfte anderweitig, z. B.
durch äußere Schwierigkeiten,
gebunden sind,
werden oft vorher politisch
belanglose Volks:
teile des Staatsgebietes
zu einer plötzlichen
Gefahr.
Um solche Gefahr
innerer Nationalitäten.
kämpfe möglichst zu vermindern,
sind die Hauptnationen
der Nationalstaaten
bemüht, die
Fremdkörper innerhalb
des Staates möglichst
aufzusaugen, sie sich
zelbst gleichartig zu machen und dadurch sich einzuverleiben. Als das
wirksamste Mittel dazu erscheint nach dem oben Gesagten die Ausbreitung
der eigenen Sprache, die Schaffung einer einheitlichen Landessprache
für alle Teile des Staates.
Wir erwähnten schon, wie wichtig für die Zusammenschweißung der amerikanischen
Nation die alleinige Herrschaft der englischen Sprache im amtlichen
and öffentlichen Leben war. — Die Wallonen hatten vor dem Kriege das Übergewicht
in Belgien dadurch erreicht, daß sie die Geltung des Französischen
als alleinige Regierungssprache durchgesetzt hatten. — Das wichtigste Mittel
der „Russifizierung‘“ im zarischen Rußland war der zwangsweise alleinige Gebrauch
der russischen Sprache in Schule und Armee.
Kulturelle Autonomie, Aber bei solchen Bestrebungen der Aufsaugung
iremder Volksbestandteile ist die herrschende Nation leicht geneigt, auf die
„nationalen Minderheiten“ einen unberechtigten Zwang auszuüben. Die großen
deutschen Minderheiten, die die neuen europäischen Staatsgrenzen in Südtirol,
in Polen, Belgien und Frankreich einschließen, haben solchen Zwang im vergangenen
Jahrzehnt nur zu oft und zu hart spüren müssen. Es ist zu verstehen,
wenn in solchen Fällen die Minderheiten — im Gegensatz zu dem erstrebten
Ziel -— dem Staate entifremdet und unter Umständen zum Widerstand veranlaßt
werden. Es dürfte im besseren Interesse des Staates sein, wenn er bei
aller Währung seiner Autorität der kulturellen Eigenart der fremden Volksbestandteile
Rechnung trägt, ihnen den Gebrauch ihrer Muttersprache, die Ein-Sowenen