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ERSTER TEIL: GEOGRAPHISCHE GÜTERLEHRE
alte Bild der Getreide-Weltversorgung nicht sich schnell wieder her-
stellte, liegt vor allem an der veränderten Rolle Rußlands. Rußland,
das vor dem Kriege allein ein reichliches Drittel des im Welthandel
bewegten Getreides lieferte, schied während mehrerer Jahre nach
dem Zusammenbruch nicht nur als Lieferant völlig aus, sondern war
nicht einmal imstande, den entsetzlichsten Hungersnöten im eigenen
Lande zu steuern, so daß es zu ihrer Bekämpfung auf fremde Hilfe
angewiesen war.
Mit der zunehmenden Festigung der Verhältnisse im Sowjetstaat
stieg die Erzeugung wieder und hat gegenwärtig mit Ausnahme der
Gerste bei allen Getreidearten die Höhe der Vorkriegszeit wieder
erreicht, ja teilweise nicht unerheblich überschritten. Viel langsamer
stieg dagegen die Ausfuhr wieder. Die Gesamtmenge der ausgeführten
Körnerfrüchte erreichte 1926 kaum ein Viertel der Vorkriegsjahre.
Betrug Rußlands Anteil am Getreideweltexport im Mittel 1909—1913
rund 35,1%, so 1926/27 nur 8,8%.
Im ganzen zeigte das Bild der Weltversorgung mit Getreide von
Kriegsbeginn bis zur Gegenwart so viele Schwankungen und so starke
Veränderungen von Jahr zu Jahr, daß es noch nicht angängig ist,
Durchschnittswerte zu bilden. Daher wurden den Durchschnittszahlen
der Vorkriegsjahre in den nebenstehenden Tabellen die Gesamtsummen
des Getreideaus- und -einfuhrüberschusses sowie dessen Verteilung auf
die Kopfzahl der Bevölkerung nur für das Jahr 1926 zur Seite gestellt.
Die Werte für die früheren Erntejahre sowie für die einzelnen Getreide-
arten in diesen sind den vorangegangenen Übersichten zu entnehmen.
Als Ausfuhrüberschuß ist die Ausfuhr abzüglich der Einfuhr, als
Einfuhrüberschuß die Einfuhr abzüglich der Ausfuhr desselben
Getreides aufzufassen.
Ausfuhr- und Einfuhrländer. Die Zusammenstellung der Aus-
fuhrstaaten (Tab. I) zeigt, daß die Versorgung der getreidearmen
Länder der Welt durch die oben behandelten sechs Kornkammern
geschieht, von denen die mittelrussische, die pontische, die
nordamerikanische und die südamerikanische die wichtigsten
sind. Neuerdings ist auch Australien in die Reihe der großen Welt-
versorger eingetreten. Bis zum Kriege war das alte Rußland der
weitaus größte Exporteur von Körnerfrüchten, namentlich von Weizen
und Gerste, aber auch von Hafer und Roggen. Wie erwähnt, war
etwa ein Drittel der gesamten im Welthandel bewegten Menge der
angeführten fünf Getreidesorten russischen Ursprungs. Durch den
Krieg hat Rußland diese führende Stellung an überseeische Staaten
verloren, und es ist sehr zweifelhaft, ob es sie je wieder erobern
wird, denn bei seiner Bevölkerungsdichte von 27 Ein-
wohnern auf den Quadratkilometer dürfte die gewaltige Ausfuhr
der Vorkriegszeit auf Kosten einer ausreichenden Ernährung der
eigenen Bevölkerung gegangen sein. Unter den europäischen Staaten
kommen außer dem Sowjetstaat nur noch Rumänien, Ungarn und
Bulgarien als Ausfuhrländer in Betracht. — Von bedeutendem Umfang
und stetig wachsender Größe war schon vor dem Kriege die Körner-
ausfuhr der dünnbevölkerten Agrarstaaten Argentinien und Kanada,