Full text : Weltwirtschaftliche und politische Erdkunde

I. DIE KORNKAMMERN DER ERDE

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1908 zum ersten Male die Ausfuhr die Einfuhr übertraf. Im Durchschnitt
 der Jahre 1909—1913 erreichte die Mehrausfuhr den Betrag
von fast 700000 t, im Jahre 1913 sogar rund 1 Mill. t. Dagegen hat
die Weizeneinfuhr ständig zugenommen und im letzten Jahre vor dem
Kriege die Höhe von 2} Mill. t oder 96 kg auf den Kopf der Bevölkerung
 erreicht. Da diese Einfuhr in der Hauptsache von Rußland,
den Vereinigten Staaten, Argentinien, Kanada und Rumänien geliefert
wurde, trat im Kriege ein außerordentlicher Mangel an Weizen ein,
der nur zum Teil durch den Roggenüberschuß ausgeglichen werden
konnte. — Noch schlimmer lagen die Verhältnisse hinsichtlich des
Futtergetreides. Zwar konnte der Bedarf an Hafer immer durch
die eigene Erzeugung gedeckt werden, aber für Mais und Gerste war
Deutschland von jeher Einfuhrland. Im Jahre 1913 wurden rund
| Mill. t Mais aus Argentinien, der Union, Rußland und Rumänien
und 3 Mill. t Gerste aus Rußland, der Union und Rumänien eingeführt.
 Dazu kamen noch mehr als 2 Mill. t Kraftfutter (Kleie,
Ölkuchen usw.) Dieser Bedarf von reichlich 6 Mill. t Futtermitteln
konnte naturgemäß nach Sperrung der Einfuhr aus den feindlichen
Staaten durch den einzigen uns noch zur Verfügung stehenden Überschußstaat
 Bulgarien nicht gedeckt werden. Nicht nur mußte ein
großer Teil des Brotgetreides mit verfüttert werden, sondern es machten
sich auch erhebliche Abschlachtungen namentlich an Schweinen nötig
(vgl. Abb. 19, S. 40). So war hauptsächlich in dem Mangel an Futtergetreide
 sowohl die Knappheit des Brotes als auch die des Fleisches
begründet. Als wesentliches Ersatz- und Streckungsmittel für die fehlenden
 Körner gelangte die Kartoffel während dieser Zeit zu einer
ungeahnten Bedeutung für unsere Ernährung. .
Nach dem Kriege wurden unsere Nahrungssorgen noch erheblich
verstärkt durch den inzwischen als Folge des Versailler Vertrages
eingetretenen Verlust gerade landwirtschaftlich wichtiger Gebiete
an. den Grenzen unseres Reiches. Deutschland büßte nach Durchschnittsberechnungen
 von der jährlichen Ernte ein: an Roggen 18,2%,
an Gerste 17,2%, an Weizen 12,6%, an Hafer 9,6 %, an Kartoffeln
19,7%. Gegenüber einem gleichzeitigen Bevölkerungsverlust von 9,7%
bedeutet das für die übrigbleibenden 63 Millionen eine erheblich
schmälere Eigenversorgung mit den wichtigsten Lebensmitteln.
Wie sich künftig unsere Getreideversorgung gestalten wird, ist
nicht vorauszusagen. Sicherlich lassen sich die Erträgnisse unseres
Ackerbaus, namentlich der Roggenerzeugung, noch erheblich steigern,
vielleicht weniger durch Gewinnung neuen Ackerlandes (Moorkultur
u. dgl., auch Verminderung des Waldbodens um ein Fünftel ist vorzeschlagen
 worden), als durch Erhöhung der Hektarerträge mittels
besserer Düngung und Bearbeitung des Bodens und mittels der Züchtung
 ertragreicherer Sorten. Freilich wurde bis jetzt der während
des Krieges erheblich zurückgegangene Hektarertrag erst wieder bis
zu etwa drei Viertel der Höhe von 1913 gesteigert. Jedenfalls ist
aber kaum anzunehmen, daß Deutschland hinsichtlich der Körner-[rüchte
 es je wieder zum Zustand der völligen Selbstversorgung
bringen wird.
            
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