Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

6.  Hamburgs  und  Bremens  Stellung  auf  dem  Weltmärkte.  453
stark  in  die  fernen  Gebiete  eingedrungen,  in  denen  Londons  Kaufmannschaft  wettbewerblos ­
  zu  herrschen  sich  gewöhnt  hatte.  Macht  sich  das  auch  quantitativ  noch  nicht
so  sehr  bemerkbar,  so  ändert  es  doch  die  Stellung  des  Themse-Handels  zu  jenen  Erdstrichen ­
  von  Grund  aus  und  trägt  vor  allem  den  Keim  unaufhaltsamen  Fortschritts
in  sich:  die  Bresche  ist  geschlagen.  —
Für  Bremenist  es  charakteristisch,  daß  es  sich  trotz  wenig  günstiger  Lage  durch
eine  festgefügte  Organisation  den  Großhandel  zweier  Artikel  erhalten  hat,  die  es  sonst
wohl  an  das  Hinterland  hätte  abgeben  müssen:  Baumwolle  und  Petroleum.
Die  Bremer  Baumwollbörse  ist  die  einzige  Vereinigung  dieser  Art,  die  sich
grundsätzlich  und  tatsächlich  über  den  Ortsbereich  ihres  Sitzes  hinaus  erstreckt.  Die
Gefahr,  daß  die  in  Mittel-  und  Süddeutschland  domizilierten  Spinnereien  dem  allgemeinen ­
  Zug  der  Entwicklung  folgten  und  unter  Umgehung  des  bremischen  Eigenhandels ­
  sich,  gestützt  auf  die  Arbitration  der  Liverpooler  Börse,  in  unmittelbarer  Verbindung ­
  mit  den  amerikanischen  Exporteuren  setzten,  hat  hier  erfinderisch  gemacht:
im  Jahre  1886  ist  die  Mitgliedschaft  der  Bremer  Börse  aus  die  innerdeutschen  Interessenten ­
  ausgedehnt  und  diesen  eine  besondere  Vertretung  im  Vorstand  eingeräumt
worden;  einige  Jahre  darauf  sind  auch  die  österreichischen  Spinner  beigetreten.  Infolgedessen ­
  besteht  jetzt  der  Vorstand  der  Baumwollbörse  Bremens  aus  zwölf  bremischen ­
  Mitgliedern  und  sieben  Vertretern  der  Baumwollspinner;  und  zwar  entsendet
der  Verein  Süddeutscher  Baumwollspinner  (Augsburg),  das  Elsässifche  Industrielle
Syndikat  (Mülhausen),  der  Verein  Sächsischer  Spinnereibesitzer  (Chemnitz),  der  Verband ­
  Rheinisch  -  Westfälischer  Baumwollspinner  (M.-Gladbach),  der  Verband  der
Krimmitschauer  und  Werdauer  Vigognespinner  und  endlich  der  Verband  der  Baumwollindustriellen
  Österreichs  (Wien)  je  einen  Vertreter,  während  das  siebente  Spinnermitglied
  von  den  Delegierten  der  erstgenannten  fünf  deutschen  Verbände  erwählt  wird.
—  Durch  diese  Organisation  ist  es  gelungen,  das  Interesse  der  Grohkonsumenten  mit
dem  Bestand  der  Bremer  Baumwollbörse  zu  verknüpfen  und  ihr  durch  die  Zuweisung
sämtlicher  Arbitrationen  die  Grundlage  einer  selbständigen  Börsentätigkeit  sowie  die
Macht  zu  wirksamer  Vertretung  der  deutschen  Ansprüche  gegenüber  den  überseeischen
Lieferanten  und  gegenüber  den  Verfrachtern  zu  geben;  wiederholt  können  die  Jahresberichte ­
  von  Erfolgen  erzählen,  die  in  der  Festsetzung  der  Lieferungsbedingungen,
insbesondere  in  den  Oualitätsbestimmungen  und  in  der  Auslegung  der  Verschiffungsgebräuche ­
  erzielt  worden  sind.  Mit  der  Börse  ist  aber  zugleich  für  den  bremischen
Cigenhandel  ein  weites  Feld  selbständiger  Betätigung  erhalten  geblieben,  da  dasselbe
Interesse,  das  die  Spinner  zum  Beitritt  zu  der  eigenartigen  Organisation  veranlaßt,
sie  auch  darauf  führt,  sich  in  ihren  Rohstoffabschlüssen  der  Vermittlung  der  bremischen
Kaufmannschaft  zu  bedienen,  wie  überhaupt  das  auf  realer  Grundlage  beruhende  Bestehen ­
  einer  Börse  immer  wieder  Verkehr  herbeilockt.  Während  also  Havre  zu  gutem
Teil  seinen  Baumwollhandel  an  die  Mittelpunkte  des  nordfranzösischen  Industriebezirks
  hat  abgeben  müssen,  während  auch  Bremen  selbst  im  Wollegeschäft  seine
Position  nicht  behaupten  kann,  hat  es  doch  im  Baumwollhandel,  der  allgemeinen
Cntwicklungsrichtung  entgegen,  feine  Bedeutung  noch  gesteigert  und  ist  jetzt  der  einzige
Platz  der  Erde,  der  sich  ebenbürtig  neben  Liverpool  stellen  kann.
Ferner  ist  Bremen  der  Sitz  der  Deutsch-Amerikanischen  Petroleum-Aktiengesellschaft ­
  und  damit  eines  Unternehmens  geworden,  das  in  ganz  Mitteldeutschland
den  Verkauf  des  amerikanischen  Petroleums  beherrscht,  das  auch  in  West-  und  Süddeutschland ­
  unmittelbar  tätig  ist  und  auf  Ostdeutschland  durch  die  mit  ihm  finanziell
Susammenhängende  Königsberger  Handelskompagnie  Einfluß  gewonnen  hat.  Die
bremische  Gesellschaft  ist  unter  den  von  der  stanclarck  Oil  Company  für  den
europäischen  Absatz  gegründeten  Unternehmungen  die  größte  geworden;  weder  die
Anglo-American  Oil  Company  Londons,  noch  die  American  Petroleum  Company
            
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