Full text: Bevölkerungslehre

4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1 43 
Handwerk oder Gewerbe zu ernähren ?). Im Salzburgischen . er- 
Schwerte der Erzbischof ebenfalls die Eheschließungen im Jahre 1727, 
„damit der Bettler weniger würden“?). Das gleiche galt von der 
Markgrafschaft Baden ®. Als man damals in Baden den Vorschlag 
machte, regelmäßige Volkszählungen einzuführen, da geschah das, 
um festzustellen, ob „gedeihliches Wachstum oder ein schädlicher 
Mangel sich ereigne“. Denn es sollte dafür Sorge getragen werden, 
daß kein Teil des Landes durch Übervölkerung zu leiden habe, 
Freilich hat es sich in all diesen Fällen um kleinere Gebiete gehandelt, 
in denen damals die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in 
vieler Hinsicht andere waren, als in Preußen. Hat doch mit einem 
gewissen Recht ein Schriftsteller dieser Zeit auch gesagt: „Man 
ahmte Preußen in der Volksvermehrung nach, ohne Preußens Be- 
dürfnisse zu haben und ohne seine Nahrungsunterstützung dabei 
anzuwenden“ *). 
Freilich muß man bei den ganzen Maßnahmen in diesem 
Zeitalter beachten, daß es sich dabei keineswegs allein um ein 
zahlenmäßiges Mißverhältnis zwischen Volkszahl und Nahrungsspiel- 
raum gehandelt hat. Darauf hat vor allem Hinze in seinem ge- 
nannten Buche hingewiesen. Das Bettlerunwesen als eine Folge 
des damaligen Kriegswesens, Nachwirkungen des dreißigjährigen 
Krieges, aber auch der allgemeine Mangel an Arbeitslust, spielten 
dabei eine wichtige Rolle. Der Müßiggang entsprach im 17. und 
[8 Jahrhundert vielfach der ganzen Grundeinstellung des Menschen. 
Hinze (S. 42) hat gemeint: „Wir finden in Brandenburg-Preußen 
ins 17. und noch weit mehr ins 18, Jahrhundert hinein den „mittel- 
alterlichen‘“ Menschen als allgemeinen Typus, d. h. den Menschen, 
der noch immer und zwar vollauf von der Idee der „Nahrung“ be- 
herrscht wurde“. Not und Elend brauchen ja keineswegs immer 
eine Folge mangelnden Nahrungsspielraumes zu sein. Sie können auch 
daher rühren, daß die vorhandenen Unterhaltsmöglichkeiten infolge 
mangelnder Arbeitskraft und Arbeitslust nur ungenügend ausgenutzt 
werden. Denn ein Mangel. an Arbeitskraft den vorhandenen wirt- 
| 1 K. Wild, Staat und Wirtschaft in d. Bistümern Würzburg u. Bamberg, 1906 
5. 188. — G. Banholzer, Die Wirtschaftspolitik Augusts Grafen v. Limburg-Stirum 
Diss... Gießen 1926. 
* Arnold, Die Vertreibung d. Salzburger, a. a. O., S. 41. 
. 5 W. Windelband, Die Verwaltung d. Markgrafschaft Baden z. Z. Karl 
Friedrichs, 1906, S. 107 ff. — Vgl. dazu auch K. Hinze, Die Arbeiterfrage zu Beginn 
il. werdenden Kapitalismus in Brandenburg-Preußen, 1927. 
4) Deutscher Merkur, herausgegeben v. Wieland, „Nachteile d, Bevölkerung“, 
1794, zit. nach Eschenhagen, a. a. O0.
	        
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