Full text : Bevölkerungslehre

6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 187

Erst von dieser Zeit ab begannen die wirtschaftlichen Verhältnisse
 sich wesentlich zu bessern, was besonders in einer Abnahme
der Auswanderung und der Sterblichkeit und in einer Zunahme der
Eheschließungen seinen zahlenmäßigen Ausdruck fand. Das zweite
Viertel des 19. Jahrhunderts wies in dieser Hinsicht noch recht ungünstige
 Verhältnisse auf, während man in dem Jahrzehnt von 1845
bis 1855 von einer ausgesprochenen Übervölkerung sprechen konnte,
die auch in den vorhergehenden Menschenaltern zeitweilig, wenn auch
in schwächerer Form, vorhanden war.
Mit guten Gründen kann man für die Beziehungen zwischen
Bevölkerung und Wirtschaft in Europa und ganz besonders für
Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts — genauer etwa im
Jahre 1855 — einen Schnitt machen. Man hat den deutlichen Eindruck,
 daß jetzt. auch etwa erst die wirtschaftlichen Nachwirkungen
der napoleonischen Kriege vollständig überwunden sind. Zwar
zeigten sich auch in der folgenden Periode noch wirtschaftliche
Störungen. Es traten auch Teuerungen auf, die sich in dem Gang
and dem Wachstum der Bevölkerung bemerkbar machten. Aber
beides trat in wesentlich geringerem Ausmaße auf, wie in früheren
Zeiten und das ganze Wirtschaftsleben begann sich doch jetzt
so sehr nach oben zu entwickeln, daß solche Störungen nicht
mehr in dem Maße verengernd auf den Nahrungsspielraum einwirkten
and sich in dem Maße als repressive Hemmnisse geltend machen
konnten, wie das noch in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts der
Fall war. Es waren eine ganze Reihe von Faktoren, die nach dieser
Richtung hin zusammenwirkten.
Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei die Ausgestaltung
and Besserung der Verkehrsverhältnisse; sie ermöglichte einen
vollkommeneren und schnelleren Ausgleich von Angebot und Nach-{rage
 bei der Lebensmittelversorgung und im Zusammenhang damit
begann auch der Getreidehandel, vor allem auch aus entfernteren
Gebieten, zuzunehmen. Bei der Teuerung am Ende der vierziger
Jahre war der Getreidehandel noch so wenig ausgebildet, daß ein
hoher badischer Beamter nach Antwerpen gesandt werden mußte,
um dort die nötigen Einkäufe zu tätigen !). Im Jahre 1817 kostete
die Fracht von Hagen nach Lippstadt für einen Zentner Roggen
5,57 M., im Jahre 1902 24 Pfg.?). In Deutschland betrug zu Beginn
der Eisenbahnzeit die Fracht auf der Achse für einen Tonnenkilo-3]

 Fleischmann, a. a. O., S. 25.
7 Nach L. Berger, Der alte Harkort, 1902, S. 47.
            
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