7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 205
erblickten, vor allem an der naturalistischen, unhistorischen Formu-
lierung des Malthus’schen Gesetzes Anstoß genommen und hat
auf die Faktoren hingewiesen, die — wie z. B. technischer Fort-
schritt oder gesellschaftliche Organisation — imstande seien, die
Wirkung des Bevölkerungsgesetzes zeitweilig aufzuheben oder hinaus-
zuschieben. Damit näherte sich diese Auffassung in mancher Hin-
sicht schon derjenigen, die überhaupt den starken Einfluß des Natur-
momentes auf das Verhältnis von Volkszahl und Nahrungsspielraum
ableugnete und die Meinung vertrat, daß es sich dabei um nichts
anderes als um eine Frage der sozialen Ordnung handle. Schon
A. Wagner hatte betont, „daß alle Fragen der volkswirtschaftlichen
Organisation und Rechtsordnung, insbesondere daher auch diejenigen
der Grundbesitz- und Kapitalverteilung, sowie der Einkommens- und
Vermögensverteilung überhaupt zugleich mit aus dem Gesichts-
punkte des Bevölkerungswesens zu behandeln sind“?). Hier sei eine
ınbestreitbare Lücke in der Malthus’schen Bevölkerungslehre, auf
welche die sozialistische Kritik mit Recht hingewiesen habe. Aus
diesem Lager sind auch Malthus die schärfsten Gegner erwachsen.
Freilich waren es nicht die einzigen. Wir müssen uns zuvor der
Richtung zuwenden, die nicht aus einer Kritik der vorhandenen
Wirtschaftsordnung, sondern aus den ursprünglichen Gedankengängen
des Liberalismus heraus sich gegen die Malthus’sche Lehre
gewendet hat.
2. Die Vertreter einer optimistischen Anschauung.
a) Die liberale Gruppe. — Der ökonomische Liberalismus,
zu dessen Vertretern ja auch Malthus gehörte, war von Hause
aus, es sei nur auf A. Smith verwiesen, durchaus optimistisch ge-
stimmt. Von teleologischen Gesichtspunkten ausgehend, nahmen
die Vertreter dieser Richtung an, daß eine göttliche Ordnung die
ganze Welt leite und daß in einer So planvollen Weltordnung alles
zur harmonischen Gestaltung kommen müsse, wenn nur die Menschen
in ihrem wirtschaftlichen Handeln frei seien. Mit der Lehre von
Malthus war in diesen Anschauungskreis ein durch und durch
pessimistischer Grundgedanke hineingetragen worden, den dann
Ricardo zur Grundlage seines ganzen Systems gemacht hat. Mit
seinem System war die Problemstellung, die ganz aus den Zeit-
verhältnissen zu erklären ist, eine ganz andersartige geworden. An
die Stelle des Produktionsproblems, der Frage, wie der Gesamtwohl-
stand am meisten gefördert werden könne, trat mit Ricardo das
1) Grundlegung, a. a. O., S. 461.