2. Kap. Die primitiven Stufen 19
tierischen Herde bezeichnet hat!) Diese Horden sind lose organisierte
Gebilde, bestehend aus einigen Großfamilien, deren Zahl uns
im allgemeinen mit 30 bis höchstens 200 angegeben wird ?). Größere
gesellschaftliche Gebilde sind unter diesen knappen Lebensverhältnissen,
die zum steten Umherwandern zwingen, unmöglich. „Alle
wirtschaftlichen Zustände und Veränderungen wirken tief auf die
gesellschaftlichen Verhältnisse und damit auf die ganze Beschaffenheit
der Kultur ein. So kann z. B. weder bei den unsteten Völkern
(Sammlern), noch bei den Nomaden der stoffliche Kulturbesitz einen
großen Umfang annehmen, da jedes Besitztum wertlos ist, das nicht
auf den beständigen Wanderungen mitgeführt werden kann“ 5.
Aber nicht nur, daß solche wirtschaftliche Faktoren für die Art
der gesellschaftlichen Organisation eine maßgebende Rolle spielen,
auch die Größe dieser Horden wird in entscheidender Weise davon
beeinflußt, wie sich das Verhältnis zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
gestaltet. Knabenhans sagt von den australischen
Eingeborenen: „Entsprechend der im allgemeinen dürftigen Aus-Stattung
des australischen Kontinents und einer damit zusammenhängenden
ganz ungewöhnlichen Auflockerung seiner eingeborenen
Bevölkerung sind hier die als autonome politische Gemeinwesen
funktionierenden Körperschaften in der Regel noch sehr klein und
vereinigen im Durchschnitt kaum ein volles Hundert Menschen auf
sich. Hiervon gibt es jedoch eine Reihe bemerkenswerter Ausnahmen.
[In verschiedenen, von der Natur begünstigten geographischen Bezirken,
insbesondere in Küstengebieten, die der nötigen Bewässerung
nicht entbehren und wo neben einem ausreichenden Vorrat an
genießbaren Vegetabilien auch die Jagd und der Fischfang reichlichere
und konstantere Erträgnisse liefern, müssen meist die Eingeborenen
in viel dichteren Beständen und numerisch stärkeren Verbänden
zusammengelebt haben“ %),
Koppers faßt die Ergebnisse zahlreicher Forschungen in die
Worte zusammen: „Man sieht, die Mitgliederzahl einer Gruppe ist
dort am kleinsten, wo die Ernährungsverhältnisse die prekärsten sind
(Tasmanien, Australien, wozu besonders noch das Eskimopgebiet
1 R .
) W. Wundt, Völkerpsychologie, Bd. 7. Die Gesellschaft, ı. Teil, 1917,
S. 87/88 u. 228ff.
. 2) Vgl. die bei A. Knabenhans „Die politische Organisation bei den australischen
Eingeborenen“, 1919, S. 37 ff, gemachten Angaben,
%) H. Schurz, Völkerkunde, 1903, S. 63. — Vgl. auch dessen „Urgeschichte
der Kultur, 1900, S. 40ff.
4) a. a. O., S. 45.