314 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
also ihren Rückgang, ins Auge faßt. Hier versagt eine solche Er-
klärung fast ganz. So groß auch die Rolle ist, die vor allem das
Heiratsalter der Frau für die Fruchtbarkeit der Ehen spielt, so wenig
kann man, namentlich für die Zeit vor dem Kriege, hierin Änderungen
wahrnehmen, die in dieser Hinsicht ungünstig auf die Fruchtbarkeit
hätten wirken können. Freilich haben sich hierin in der Zeit nach
dem Kriege doch gewisse Wandlungen gezeigt. Während im
Deutschen Reiche im Jahre 1900 von 1000 Ehefrauen 119 im Alter
von unter 25 und 338 im Alter von unter 30 Jahren standen, betrug
der Anteil dieser Altersklassen im Jahre 1925 nur noch 101 bzW. 324.
Wenn man die oben über die Entwicklung der Fruchtbarkeit
gegebenen Zahlen betrachtet, dann erkennt man, daß etwa seit dem
Ende des Weltkrieges die Schnelligkeit und das Maß des Frucht-
barkeitsrückganges wesentlich stärker geworden sind. Das rührt
vor allem daher, daß jetzt viel weitere Kreise der Bevölkerung von
dieser Bewegung erfaßt worden sind als früher. Schon im Jahre 1912
konnte Silbergleit für Berlin feststellen, daß unter den Stadtteilen
mit der stärksten Abnahme der ehelichen Fruchtbarkeit die arbeiter-
reichsten besonders hervorgetreten seien *!). Hatte sich dieser Rück-
gang zuerst in den wohlhabenderen Schichten der Bevölkerung ge-
zeigt, so hat er nun fast die ganze Bevölkerung ergriffen. Aus
Bremen hören wir sogar, daß die sozialen Schichten, die, wie leitende
Beamte, Ärzte usw., fast durchweg den gehobenen Klassen angehören,
die höchste Geburtenziffer in der gesamten Bevölkerung aufweisen %).
Zweifellos hat sich mit diesen Änderungen das Problem selbst in
mancher Hinsicht gewandelt, einmal im Hinblick auf die Ursachen
dieser Erscheinung, dann aber auch im Hinblick auf die Bedeutung,
die von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dem Geburten-
rückgang zukommt.
Bei meinen ersten Untersuchungen über diese Frage ®) hatte ich
auf den zunehmenden Wohlstand als auf eine wichtige, wenn
auch keineswegs die‘ einzige Ursache des damals einsetzenden Ge-
burtenrückganges hingewiesen. Ich führte damals aus: „Erst mit
der Verbesserung seiner wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse
beginnt der Mensch ökonomisch zu denken und für die Zukunft zu
sorgen. Wo Not und Elend herrscht. Unbildung und Unkultur zu
1 Der Geburtenrückgang it Berlin. Groß-Berlin, Stat. Monatsberichte, 3. Jahrg.,
1912, Heft 7.
2 W. Böhmert, Hundert Jahre Geburtenstatistik in Bremen, Mitt. d. Stat.
Landesamts, Nr. 3, 1926, S. 38.
3) Studien, a. a. O., S. 168 £.