Full text : Bevölkerungslehre

jo

Erster geschichtlicher Teil

wir antworten: die Überfüllung. Nur sie erklärt, warum nur ein
Teil des Volkes, d. i. der überschüssige, für den die Ernährung nicht
mehr ausreichte, den heimatlichen Boden verließ“. „Der Hunger hat
die Indoeuropäer aus ihrer asiatischen Heimat nach Europa getrieben,
der Hunger ist der Hebel gewesen, dessen sich die Geschichte bedient
 hat, um sie ihrer geschichtlichen Mission entgegenzuführen.
Jahrtausendelang hat er ihre Bewegung im Fluß gehalten. Von
der zweiten Heimat hat er sie von neuem aufgescheucht, als der
Boden bei dem höchst unvollkommenen Betrieb der Landwirtschaft
nicht mehr ausreichte, sie zu ernähren, und auch als sie eine dritte
Heimat erlangt hatten, hat er ihnen keine Ruhe gelassen. Noch bis
tief in die historische Zeit hinein*greifen Kelten und Germanen zur
Auswanderung, überall ist es der Ruf nach Land, den sie ertönen
lassen, sie sind bereit, die Waffen niederzulegen, wenn ihnen diese
Forderung bewilligt wird“?). Auf die geistvolle Begründung, die
lhering für diese Auffassung gibt, kann freilich an dieser Stelle
aicht eingegangen werden.
Was wir aus jenen alten Wanderzügen nur ganz im allgemeinen
feststellen können, das Vorhandensein eines quantitativen Bevölkerungsproblems,
 das tritt uns in der Frühgeschichte Griechenlands,
dessen Verhältnissen wir uns nun zuwenden wollen, ganz deutlich
vor. Augen. Schon von der Ausbreitung der Griechen über das
ägäische Meer, die man um das Jahr 1400 v. Chr. ansetzt, hat Beloch
gesagt: „Gerade die öÖstlichsten Landschaften Griechenlands, Attika
und die Argolis, sind zum großen Teil unfruchtbar und mußten also
schon früh für die wachsende Menge des Volkes zu eng werden“ ?),
Mit dem Beginn des 8. und während des ganzen 7. Jahrhunderts
setzte die große griechische Kolonisation an den Ufern des Mittelmeers
 ein. „Ein Gebirgsland, wie die griechische Halbinsel, mußte
schon früh auf den Punkt gelangen, wo die Bodenproduktion zum
Unterhalt der Bevölkerung nicht mehr genügt und da an einen
Import von Getreide noch nicht zu denken war, blieb nichts übrig
als eine gewaltsame Beschränkung des Anwachsens der Bevölkerung,
durch Aussetzen der Kinder, die man nicht ernähren zu können
glaubte. Die Sagen von Ödipus, von Atalante und zahlreiche andere
beweisen, daß sie bereits in der Zeit geübt wurde. als diese Mythen

! R. v. Iher ng, Vorgeschichte der Indoeuropäer, 1894, S. 104 und S. 319,
Ferner Th. Arldt, Germanische Völkerwellen und die Besiedelung Europas, 1917.
2?) Beloch, Griechische Geschichte, ı. Bd., ı. Abteilung, 1912, 2. Aufl., S. 127.
— Vgl. dazu auch J. Hasebroek, Staat und Handel im alten (jriechenland, 1028.
S. 102 ff.
            
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